 in lautloser Stille den Lebensgang ihres
Gatten.
    Soll ich auch schweigen, verkümmern, hinsiechen in unbekannter Stille? -
Vielleicht! Doch jetzt lockt mich die Verheißung der Liebe zur Stärkung meiner
Kräfte. - Auch ich, Raimund, bin matt und müde dieser europäischen Versumpfung,
aber ich habe einen Rettungsstern am Himmel der ewigen Gerechtigkeit erkannt -
und gewiss, er wird mich nicht täuschen! - O, könnte ich es hineinrufen in die
Herzen aller Zerrissenen, vom Weh der Gegenwart Verstörten und Niedergedrückten,
dass es für jeden größeren Erdenschmerz nur eine lindernde Arzenei gibt, bereitet
von der Welt - die versöhnende Liebe! Die heilige, keusche, kindlichreine
Unschuld des Weibes! Nur die Liebe kann uns herausheben aus dem Strudel moderner
Lebensverschlammung. Drückt ein liebendes Weib an Euer Herz, ihr europamüden
Märtyrer, und die Dornenkrone wird Rosen treiben, deren süßer Liebesatem sich
befruchtend um die arme Erde legen und sie einhüllen wird von neuem in das junge
Morgenrot Eurer Kraft! Mag von Auguste's Munde die gleiche Kunde sich in meine
Seele einschmeicheln! Ihr Kuss soll mir die Gewissheit stammeln von der nahen
Welterlösung; an ihrem Busen will ich mich zum Leben wieder hinanfühlen, das mir
entflohen ist unter der Angst verborgener Stürme. Heiligt die Welteiligkeit mit
dem Kusse der Liebe, so wird sich die alte Europa wieder erheben in
jungfräulicher Schönheit, und als ewige Jungfrau den blühenden Kranz der
Unvergänglichkeit unverwelkt auch hinübertragen in die dereinstige Geschichte
der Zukunft! -
    Der Mond weht seine kühlen Strahlen herein in mein Gemach, ein hoher Friede
stickt am Königsmantel der Nacht seine flammenden Gebilde. - Ob nicht noch
schönere Sternbilder am dunklen Himmelsbogen in Auguste's Auge für mich
aufsteigen sollten? - - Ich will heut keine Blumenstöcke zerbrechen, mein Mund
nur soll, ein sanft schmeichelnder Meissel des Phidias, um den Marmorglanz ihres
Nackens gleiten und eine Kette brennender Rosen darein graben. Sie bat mich
letzthin um einen Rosenkranz - o, wie will ich lauschen, wenn sie an meinem
Geschenk den süßen Fehl eines welteiligen Lebens abbüsst! »Ave Maria! Heilige
Mutter der Liebe, bitte für uns!« -
 
                                       5.
                                 An Ferdinand.
                                                           Köln, den 19. August.
    Heut ist der Geburtstag des munteren Felix und ein origineller Genuss wartet
mein. Ich schreibe diese Zeilen aus der psychologischen Warte Bardeloh's, die
ich mir zum Aufenthaltsort von ihm erbeten habe für die Dauer des heutigen
Abends. Es ist große Gesellschaft geladen, und eingeweiht, wenigstens zum Teil
in die Geheimnisse des hiesigen Lebens, will ich Beobachtungen anstellen, deren
Erfolge für mich eben so belehrend als genussreich sein werden. Du kannst auf ein
lebensvolles Bild mit Sicherheit rechnen, denn ich werde mit Gewissenhaftigkeit
aufschreiben, was mich der Fernblick durch diese Spiegelfenster
