 gar ein Kuss, ein herzinniger in welchem die ganze Seele aufblüht, das ist
ganz etwas anderes?«
    »Geliebteste«, sagte Leonhard, »freilich ist alles vergänglich und muss es
sein, aber ein solcher Moment wiegt Jahre auf.«
    »O wie kann man, wie kann man ohne Liebe leben?« erwiderte sie »sie ist das
Licht und die Sonne unseres Daseins. An jedem Morgen denke ich zuerst an dich,
ich warte auf dein Auge; treten wir in den Saal, so suche ich dich unter den
anderen; ich hasse den, der zwischen uns tritt und dich meinem Auge verdeckt.
Dann hör ich deine Stimme - und was ist mir Musik gegen diese Töne, aus denen
deine ganze Seele spricht? Du erzählst, du streitest mit andern, dein Blick
trifft den meinigen, der dich schon lange gesucht hat; du redest mich an - mein
Herz zittert; du lächelst - das fällt in meine Brust, wie der Frühlingsregen in
die Blumen; du gehst - alles ist Schatten. Es wird Nacht. Ich sehe dich vor mir,
ich halte dich in meinen Armen, ich träume von dir. Und nun der neue Morgen -
und mit jedem Tage, mit jeder Stunde kommt man sich näher, man wird sich
unentbehrlicher, Gemüt, Launen, Blicke, Akzente versteht man inniger - o mein
Teurer, den Tod nachher, wenn das vorüber ist; denn wozu noch leben? O Himmel,
wie dürr, wie elend war mein Gemüt und Herz, ehe ich dich kennenlernte! Mit dir,
in dir bin ich erst geworden! Kannst du mich denn lieben, du Treuer, Einziger?«
    »In diesem Kusse«, erwiderte er, »in dieser Umarmung musst du es fühlen. Wer
bin ich, dass du dich meiner so angenommen hast - was kann ich dir sein, dir, die
du so reich begabt bist?«
    »Schlage den hellen Blick nicht so nieder«, lispelte sie. »Du warst mir
fremd, und doch liebe ich dich; du wirst uns wieder verlassen müssen, und ich
werde nicht aufhören, dich zu lieben. Ich weiß von dir nichts weiter, will
nichts wissen, als dass du mein bist. Du bist vielleicht in deiner Heimat
versprochen, wohl gar vermählt - kann sein; damals war dir mein Herz noch nicht
zugewendet, du kanntest mich noch nicht. Diese Stunden hier gehören uns und
sollen uns heilig sein. Du weißt ja auch nicht, ob mein Herz nicht schon früher
einmal verloren war; welch Recht hast du, danach zu forschen? Nur die Gegenwart
ist unser.«
    Es gibt Momente im Leben, in welchen ein Glück, selbst ein begehrtes,
