 wie sehr sie am Leben hing. Ihr Gesang, auf dessen Flügeln sie sich
an die Seite der Madonna hatte flüchten wollen, und unter den sanftverhüllenden
Schatten des Kreuzes, war abgerissen in todesschmerzlichen Zuckungen. Er seufzte
diesem Frieden noch einmal, aber vergeblich nach, und erstarb dann auf ihrem
Munde, und verklang in die Nachtlüfte. Sie gab den Frieden am Busen der Madonna
auf, den Frieden und das gemeinschaftliche Tragen des Leides, darum schwieg sie,
aber sie hatte und sah noch nichts, was sie sich dafür hätte schenken können aus
dem Reichtum des Lebens heraus. Darum verstummte sie ermattet. Zerrissen,
zerrissen war das Lied von der mater dolorosa tief in der strebenden Seele.
    Hier und da waren aus dem verworrenen Dunkel der Wolken helle Sterne
aufgetaucht, und standen, den Himmel über uns erweiternd, wie beruhigende
Zeichen über unsern Häuptern da. Wir wandelten lautlos fort, und ich wagte noch
nicht, sie nach den geheimen Bewegungen ihrer Seele zu fragen.
    Dann sagte sie halblaut, um nur unsere ängstliche Stille zu unterbrechen,
warum ich noch nichts von der katholischen Baukunst bemerkt, welche die
schönsten Kirchen hervorgebracht, die sich nur für die Wohnstätte der Andacht
denken ließ?
    Diese Gegenstände alle, erwiderte ich, haben mir plötzlich eine solche
Bangigkeit erregt, dass ich sie nicht weiter verfolgen mag. Die wilden
Nachtgespenster, Mädchen, schleichen sich mit ihnen in unsere Seele! Auch greift
die Baukunst der sogenannten gotischen Kirchen tiefer und umfassender in den
Sinn des ganzen modernen Lebens ein, als dass sie in irgend einer engeren
Bedeutung dem Katholizismus angehören sollte. Von der katholischen Sculptur
aber, welche die Heiligen und die Madonna an den Heerstrassen und in den
Waldkapellen in dieser, wie mich dünkt, keineswegs anbetungswürdigen Gestalt
aufgerichtet hat, will ich vollends nichts sagen. Ich darf Deine Gedanken und
Deine Phantasie nicht noch mehr quälen, Maria! Armes Kind, Du sollst Deine
heitern und mutigen Lebenshoffnungen noch nicht ins Grab legen, und sollst
nicht zagen, wenn Du der Welt mehr angehörst als den Heiligen und ihren Bildern.
In jener Sculptur haben die Bilder, an welche der Frommen Herz sich hängt,
bereits ihre ausartendste Verzerrung erlitten. Von dem Bilde ist die Schönheit
gewichen, der Mytus ist in die hässlichsten Formen verkrüppelt. Die katholische
Sculptur deutet den Verfall des katholischen Bilderdienstes an, denn wo keine
ächte Kunst mehr ist, ist auch keine Wahrheit da. Die Sculptur ist die letzte
der katholischen Künste, und noch täglich ist sie geschäftig, neue Bilder und
Leiber der Heiligen in Holz oder Stein auszuhauen. Aber es ist, als hätte sie
den Mut nicht mehr, dem hellen Tag unserer Zeit ins Angesicht diese Leiber und
Bilder mit der höchsten Weihe der Kunst zu schmücken. Die
