 Und sie
schenkten ihr schöne Kleider, von Gold und Silber schwer, und hingen schimmernde
Juwelen um ihren Lilienhals, und wer den kostbarsten Diamant hatte, steckte ihn
opfernd an der Madonna Busen. Es wurde durch sie die geistige Erhabenheit der
neuen Religion näher hinangerückt an die alte Freundlichkeit der menschlichen
Gewohnheit. Und so wurde der Madonnendienst wichtig in frühen Jahrhunderten.
Wessen Seele in das Unsichtbare nicht hineingriff, der betete das Sichtbare an
in der milden Gestalt einer Jungfrau, und war doch gewiss, dass diese Gestalt
zusammenhing mit dem unsichtbaren Geiste. Maria wurde die Vermittlerin, sie
wurde die Fürbitterin am Kreuze. Gott war die Wahrheit, und die Madonna war das
Bild. Das Bild schien sanft wie der Abendstern in die Augen der Frommen, und die
Wahrheit schnitt wie eine scharfe Sonne in den Grund der tiefsten Tiefen hinein.
Es war die mytische Zeit des Christentums, und die Frommen klammerten sich an
das Bild, und wandten sich an die Sanftmut des Abendsterns. In der Jungfrau
knüpfte sich wieder das Unbewusste in stillen schonenden Übergängen an das
göttliche Bewusstsein an. Das Bild zeigte mit seiner vielverheissenden Miene auf
die Wahrheit hin. Die Glorie der Jungfrau predigte von der Menschlichkeit des
Gottes. Alles nahm sich heimlicher und traulicher aus für die Frommen, und die
Gewalt des offenbarten Geistes, die hinter diesen Zeichen wogte, konnte sie
nicht mehr blenden. Zum Überfluss wurde der christliche Olymp nun bald noch
vollständiger besetzt, damit der Geist, der auf Erden erschienen war, von der
Schärfe der Geistigkeit verliere und in die Milderung der Bilder getaucht werde.
So reihten sich die Heiligen und die Märtyrer in langen Schaaren um den
Purpurtron der Madonna. Sie wurden so sehr zu mytologischen Figuren, dass sie,
gleich den Göttern der antiken Welt, Begriffe bezeichneten, in den Naturkräften
walteten, und als Schutzpatrone besonderer Lebensverrichtungen gedacht waren.
Jene Heiligen, welche die Augen, Ohren, Nasen, Brüste, die Felder und Häuser,
die Gärten und Wiesen behüteten, waren nichts mehr, als die Dryade, die im
Wachstum des Baumes seufzt, oder Priapus, der die natürliche Fruchtbarkeit
fördert. Nun vervielfältigten sich durch diese Halbgötter die Bilder. Und die
Künste kamen, von dem reichen Stoff gelockt, und bemächtigten sich mit
Begeisterung ihrer Gegenstände. Die Künste stehen zwischen dem Bild und der
Wahrheit in der Mitte. Sie sind die herüber und hinübergehende Sehnsucht
zwischen beiden, und zugleich eine echt menschliche Befriedigung dieser
Sehnsucht. Sie bilden eine naive Harmonie der Unbewussteit und der Bewussteit in
ihren großen Erfindungen aus. Der Geist lässt sich voll Liebe gehen in diesen
schönen Formen, er offenbart sich in diesen Farben, und sein Unsichtbares geht
fühlbar hindurch durch diese Lichter und Schatten. Aber er ist nicht der Geist
als
