
dich erhebt! Himmel, in welche Zauberwelt von süßer Gestaltung ist mein
froherschrockener Blick gedrungen, und was das Leben der Erscheinung heißt,
studire ich in trunkener Vertiefung. Titian, erhabener Meister, großer Poet der
Menschenform, lieblicher Schwan, der die geheimnissreiche Musik des Körpers
austönt, Dir danke ich! Und wie danke ich Dir! Diese Venus predigt Weisheit zu
mir her, wie eine gottgewaltige Philosophie, die mich mir selbst lehrt! Venus,
aus den Tiefen des Meeres emporgestiegen, und in die herrschende Schönheit der
Gestalt geboren, zum Sieg und zum Glück! Die Tiefe verlangte nach der Gestalt,
und den formlosen Abgrund der Schöpfung wandelte die Begierde an nach der
Erscheinung, und es wirbelte oben der Meeresschaum in gewaltiger Sehnsucht, dass
es war, als müsse er sich formen. Die frohlockenden Sonnenfunken schlugen vom
Himmel her rufend und zündend in die Schäumung, und die Tiefe unten drängte vom
Abgrund herauf mit unwiderstehlicher Inbrunst. Da lächelte es aus der Empörung
hervor, wie ein niegesehenes Gesicht, und schlug zwei wunderbare Augen auf, und
streckte zwei lilienweisse Arme aus, und ordnete sich in die sanftschwellende
Harmonie des Leibes. Die Gestalt war geboren, und die Tiefe hatte ihre Ruhe
gefunden. Die Schönheit stieg mit verschämten Wangen an das Ufer der Erde. Venus
wurde von den Dichtern und den Weisen und von den Göttern verehrt. Und sie war
die Anadyomene der Tiefe.
    Leben! Erscheinung! Gestalt! Wie drängt sich Alles danach, was ist! wie
stürmen alle Elemente auf diesen Frieden, wie strömt die ganze Unendlichkeit auf
diese Gränze zu! Und auch ich bin ein Wesen, das erschienen ist, ich bin ein
Körper, der erscheint! Ich bin Fleisch geworden, und die Tiefe in mir drängt
nach Licht, und das Licht schimmert sehnsuchtshell in die Finsternis. Ich, der
ich eine Erscheinung bin, ich bin die Einheit von Licht und Finsternis, denn
sonst könnte ich nicht erscheinen. Licht gibt es nicht ohne Finsternis, und
Finsternis nicht ohne Licht, ohne beide aber keine Farbe und kein Bild. Ich bin
ein Bild der Welt, und zwei Verschiedenheiten sind in mir in die Einheit
vergangen, sonst wäre ich nicht Bild, und freute mich nicht meiner Erscheinung.
Ich fühle mich als ein Ganzes in meiner Trennung, und ich fluche Dir, Ascet, der
du mich wieder auflösen willst in meine getrennten Bestandteile! Ja, ich fluche
der Trennung von Geist und Leib, von Diesseits und Jenseits, denn ich fühle mich
ein Eines! Ich bin eine gesunde Weltnatur, ich bin ein Koncretes, und fasse mich
als einen kräftigen Organismus zusammen, so lange ich mit ruhiger
Pflichterfüllung über die Erde schreite. In mir ist Diesseits und Jenseits, in
mir ist
