 böhmische
Mann selbst hat nichts Poetisches mehr an sich, als seine unverlorene
volkstümliche Liebe zur Musik, die auch in der ärmlichsten Lehmhütte Virtuosen
macht. Jeder Bauer hat sein Horn, auf dem er in seiner ernstaften und
feierlichen Weise mehrere Stunden des Tages bläst, und diese süßen,
weichgeschliffenen melancholischen Töne, die unvermutet hier und dort aus einem
Busch aufklagen, wie wilde Vögel, sprechen sein ganzes beklommenes Herz aus, und
schmettern und tanzen und kosen und weinen, und wissen nicht zu sagen, wie und
warum ihnen so wehe ist.
    Eben so nationell, als die Liebe zur Musik, ist auch in Böhmen die Liebe zum
Betteln. Wer nichts Anderes tun mag, geht auf die Landstraße betteln, oder
musicirt. Nicht bloß die dringende Armut zieht betteln, auch aus bloßem
Zeitvertreib, aus Fremdenhass, oder meinetwegen aus Romantik, belagern die
böhmischen Landbewohner in den verzerrtesten Gestalten und mit dem
widerwärtigsten Geheul den vorbeifahrenden Postwagen. Aber allerdings ist die
Armut und Verkommenheit unter dieser Bevölkerung schreiend, denn Böhmen zählt
innerhalb seiner Gränzen gegen zwölftausend Dörfer, Böhmische Dörfer! Unterdes
aber, während der Böhme betteln geht oder musicirt, steht die schöne Böhmin mit
ihren kecken dunkeln Augen vor der niedrigen Haustür; man könnte sie in dem
groben Tuch, das sie wie einen Schleier dicht um ihr Haupt gehüllt trägt, für
eine büssende Nonne halten, die ehemals zu viel geliebt hat, und mit welcher
heißen, fast leidenschaftlichen Inbrunst schlägt sie nicht auch ihre Kreuze
gegen den Schutzpatron, der dort auf hohem Gerüst am Wege steht, aber mit
welcher Inbrunst lässt sie sich nicht auch von dem scherzenden Wandrer küssen!
Und so ist denn Böhmen noch immer das Land der Musik, der Heiligen, der Bettler,
der schönen Frauenaugen und der böhmischen Dörfer. Und ich werde traurig, wenn
ich an die böhmische Geschichte denke! - - - -
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    Aber reise nur in die böhmischen Bäder und sei lustig! Auch Du hast manchen
heimatlichen Gram an Dir zu zerstreuen, manche kranke Stelle Deiner
Erinnerungen zu meiden, manchen deutschen Schmerz zu bezwingen. In den
böhmischen Bädern ist es lustig, wähle Dir Teplitz und Karlsbad, und die
schönste Gesellschaft weiß ich da. Oder bist Du ganz und gar Hypochonder, so
komm erst mit mir in die böhmischen Wälder, und ich will Dir etwas erzählen,
worüber Du lachen sollst. Einen literarhistorischen Spaß.
    Kennst Du die böhmischen Wälder nicht mehr, die Schrecken Deiner frühen
Jugend? Wie oft hat Deine an ihrem eignen Grauen sich weidende Knabenphantasie
in ihren tiefsten Schluchten sich bang genistet, wie oft bist Du in Dir
zusammengeschauert
