 hat. - Ich bin entfernt von Dir, die
Meinen sind mir fremd geworden, da muss ich immer in Gedanken auf jene Stunde
zurückkehren, wo Du mich in den sanften Schlingen Deiner Arme hieltest, da fang
ich an zu weinen; aber die Tränen trocknen mir unversehens wieder: er liebt ja
herüber in diese verborgene Stille, denke ich, und sollte ich mit meinem ewigen
ungestörten Sehnen nach ihm nicht in die Ferne reichen? Ach vernimm es doch, was
Dir mein Herz zu sagen hat, es fließt über von leisen Seufzern, alle flüstern
Dir zu: mein einzig Glück auf Erden sei Dein freundlicher Wille zu mir. O lieber
Freund, gib mir doch ein Zeichen2, Du seist meiner gewärtig. Du schreibst, dass
Du meine Gesundheit trinken willst, ach ich gönne sie Dir, lasse keinen Tropfen
übrig, möchte ich mich selber doch so in Dich ergießen und Dir wohl bekommen.
    Deine Mutter erzählte mir, wie Du kurz, nachdem Du den Werter geschrieben,
im Schauspiel gesessen und wie Dir da anonym ein Billet sei in die Hand gedrückt
worden, darin geschrieben war: »Ils ne the comprendront point, Jean Jacques.« Sie
behauptet, ich aber könne immer zu jedem sagen: »Tu ne me comprendras point,
Jean Jacques«, denn welcher Hans Jacob wird Dich nicht missverstehen, oder Dich
gelten lassen wollen? - Sie sagt aber, Du Goethe, verstündest mich, und ich
gelte alles bei Dir.
    Die Erziehungsplane und Judenbroschüren werd ich mit nächstem Posttag
senden. Obschon Du nicht zu allen gefälligen Gegendiensten bereit bist, aber
doch mir schicken willst, was reif ist; so denke doch, dass meine Liebe Dir
brennende Strahlen zusendet, um jede Regung für mich zu süßer Reife zu bringen.
                                                                         Bettine
 
                                   An Goethe
Was soll ich Dir denn schreiben, da ich traurig bin und nichts neues
Freundliches zu sagen weiß? Lieber möcht ich Dir gleich das weiße Blatt
schicken, statt dass ich's erst mit Buchstaben beschreibe, die doch immer nicht
sagen, was ich will, Du fülltest es zu Deinem Zeitvertreib aus, machtest mich
überglücklich und schicktest es an mich zurück, wenn ich denn den blauen
Umschlag sehe und riss ihn auf: neugierig eilig, wie die Sehnsucht immer der
Seligkeit gewärtig ist, und ich lese nun, was mich aus Deinem Mund einst
entzückte: Lieb Kind, mein artig Herz, mein einzig Liebchen, klein Mäuschen, die
süßen Worte, mit denen Du mich verwöhntest, so freundlich mich beschwichtigend;
- ach! mehr wollt ich nicht, alles hätt ich wieder, sogar Dein Lispeln würde ich
mitlesen, mit dem Du mir leise das Lieblichste in die Seele ergossen und mich
auf ewig vor mir selbst verherrlicht hast3
