 Philister
verstehet, der seinen Verstand mit Konsequenz anwendet und es so weit bringt,
dass man Talent nicht vom Genie unterscheidet. Talent überzeugt, aber Genie
überzeugt nicht; dem, dem es sich mitteilt, gibt es die Ahnung vom Ungemessenen,
Unendlichen, während Talent eine genaue Grenze absteckt und so, weil es
begriffen ist, auch behauptet wird.
    Das Unendliche im Endlichen, das Genie in jeder Kunst ist Musik. - In sich
selbst aber ist sie die Seele, indem sie zärtlich rührt; indem sie aber sich
dieser Rührung bemächtigt, da ist sie Geist, der seine eigne Seele wärmt, nährt,
trägt, wiedergebärt; und darum vernehmen wir Musik, sonst würde das sinnliche
Ohr sie nicht hören, sondern nur der Geist; und so ist jede Kunst der Leib der
Musik, die die Seele jeder Kunst ist; und so ist Musik auch die Seele der Liebe,
die auch in ihrem Wirken keine Rechenschaft gibt; denn sie ist das Berühren des
Göttlichen mit dem Menschlichen, und auf jeden Fall ist das Göttliche die
Leidenschaft, die das Menschliche verzehrt. Liebe spricht nichts für sich aus,
als dass sie in Harmonie versunken ist; Liebe ist flüssig, sie verfliegt in ihrem
eignen Element; Harmonie ist ihr Element.
                                                                 Am 17. November
Lieber Goethe, halte meine wunderlichen Gedanken dem wunderlichen Platz zu gut,
wo ich mich befinde; ich bin in der Karmeliterkirche, in einem verborgenen Winkel
hinter einem großen Pfeiler; da geh ich alle Tage her in der Mittagsstunde, da
scheint die Herbstsonne durchs Kirchenfenster und malt den Schatten der
Weinblätter hier auf die Erde und an die weiße Wand, da seh ich, wie der Wind
die bewegt und wie eins nach dem andern abfällt; hier ist tiefe Einsamkeit, und
die Menschen, die ich hier zur ungewöhnlichen Stunde treffe, die sind gewiss da,
um an ihre Toten zu denken, die hier begraben sein mögen. Hier am Eingang ist
die Gruft, wo Vater und Mutter begraben liegen und sieben Geschwister; da steht
ein Sarg über dem andern. Ich weiß nicht, was mich in diese große düstere Kirche
lockt; für die Toten beten? - Soll ich sagen: »Lieber Gott im Himmel, heb doch
diese Verstorbenen zu dir in den Himmel?« - Die Liebe ist ein flüssig Element,
sie löst Seele und Geist in sich auf, und das ist Seligkeit. - Wenn ich hier in
die Kirche gehe, an der Gruft vorbei, die meine Eltern und Geschwister deckt, da
falte ich die Hände, und das ist mein ganzes Gebet.
    Der Vater hat mich zärtlich geliebt, ich hatte eine große Gewalt über ihn;
oft schickte mich die Mutter mit einer schriftlichen Bitte an ihn und
