 bis
alle Schmerzen an Deiner Brust verwunden sind.
                                                                        19. Juni
Gestern abend war's so, lieber Goethe; plötzlich riss der Zugwind die Tür auf und
löschte mir das Licht, bei dem ich Dir geschrieben habe. - Meine Fenster waren
offen, und die Pläne waren niedergelassen; der Sturmwind spielte mit ihnen; - es
kam ein heftiger Gewitterregen, da ward mein kleiner Kanarienvogel aufgestört -
er flog hinaus in den Sturm, er schrie nach mir, und ich lockte ihn die ganze
Nacht. Erst wie das Wetter vorüber war, legt ich mich schlafen; ich war müde und
sehr traurig, auch um meinen lieben Vogel. Wie ich noch bei der Günderode die
griechische Geschichte studierte, da zeichnete ich Landkarten, und wenn ich Seen
zeichnete, da half er Striche hineinmachen, dass ich ganz verwundert war, wie
emsig er mit seinem kleinen Schnabel immer hin und her kratzte.
    Nun ist er fort, gewiss hat ihm der Sturm das Leben gekostet; da hab ich
gedacht, wenn ich nun hinausflög, um Dich zu suchen, und käm durch Sturm und
Unwetter bis zu Deiner Tür, die Du mir nicht öffnen würdest - nein, Du wärst
fort; Du hättest nicht auf mich gewartet, wie ich die ganze Nacht auf meinen
kleinen Vogel; Du gehest andern Menschen nach, Du bewegst Dich in andern
Regionen; bald sind's die Sterne, die mit Dir Rücksprache halten, bald die
tiefen abgründlichen Felskerne; bald schreitet Dein Blick als Prophet durch
Nebel und Luftschichten, und dann nimmst Du der Blumen Farben und vermählst sie
dem Licht; deine Leier findest Du immer gestimmt, und wenn sie Dir auch
frischgekränzt entgegenprangte, würdest Du fragen: »Wer hat mir diesen schönen
Kranz gewunden?« - Dein Gesang würde diese Blumen bald versengen; sie würden
ihre Häupter senken, sie würden ihre Farbe verlieren, und bald würden sie
unbeachtet am Boden schleifen.
    Alle Gedanken, die die Liebe mir eingibt, alles heiße Sehnen und Wollen kann
ich nur solchen Feldblumen vergleichen; - sie tun unbewusst über dem grünen Rasen
ihre goldnen Augen auf, sie lachen eine Weile in den blauen Himmel, dann
leuchten tausend Sterne über ihnen und umtanzen den Mond und verhüllen die
zitternden, tränenbelasteten Blumen in Nacht und betäubenden Schlummer. So bist
Du Poete ein vom Sternenreigen seiner Eingebungen umtanzter Mond; meine Gedanken
aber liegen im Tal, wie die Feldblumen, und sinken in Nacht vor Dir, und meine
Begeisterung ermattet vor Dir, und alle Gedanken schlafen unter Deinem
Firmament.
                                                                         Bettine
 
                               Goethe an Bettine
                                                                        18. Juni
Mein liebes Kind! Ich klage mich an, dass ich Dir nicht früher ein Zeichen
gegeben, wie genussreich und erquickend es mir ist, das reiche Leben Deines
Herzens
