 er wies mich ab, einen
Augenblick war ich betroffen; - »halte stand wie dies Bild,« rief ich, »so will
ich Dich wieder sanft schmeicheln, willst Du nicht? - Nun, so lass ich den
Lebenden und küsse den Stein so lange, bis Du eifersüchtig wirst.« - Ich umfasste
die Büste und küsste diese erhabene Stirn und diese Marmorlippen, ich lehnte Wang
an Wange, da hob er mich plötzlich weg und hielt mich hoch in seinen Armen über
seiner Brust, dieser Mann von sechzig Jahren sah an mir hinauf und gab mir süße
Namen und sagte die schönen Worte: »Liebstes Kind, du liegst in der Wiege meiner
Brust«14, dann ließ er mich an die Erde, er wickelte meinen Arm in seinen Mantel
und hielt mir die Hand an sein klopfend Herz und so gingen wir langsamen
Schrittes nach Haus; ich sagte: wie schlägt Dein Herz! - »Die Sekunden, die mit
solchem Klopfen mir an die Brust stürmen,« sagte er, »sie stürzen mit übereilter
Leidenschaft dir zu, auch du jagst mir die unwiederbringliche Zeit vorwärts.« -
So schön fing er die Bewegung seines Herzens in süßen Worten ein, der heilige
unwidersprechliche Dichter. -
    Mein Freund, ich sage Dir gute Nacht. Weine mit mir einen Augenblick - schon
ist Mitternacht vorüber, die Mitternacht, die ihn weggenommen hat.
                                     * * *
Gestern hab ich noch viel an Goethe gedacht, nein, nicht gedacht: mit ihm
verkehrt. Schmerz ist bei mir, nicht Empfinden, es ist Denken, ich werde nicht
berührt, ich werde erregt. Ich fühle mich nicht schmerzlich behandelt, ich
handle selbst schmerzlich. - Das hat also weh getan, wie ich gestern mit ihm
war. - Ich hab auch von ihm geträumt. - Er führte mich längs dem Ufer eines
Flusses schweigend und ruhig und bedeutsam, ich weiß auch, dass er sprach,
einzelne Worte, aber nicht was. Die Dämmerung schwärmte wie vom Wind gejagte
zerrissene Nebelwolken, ich sah das zitternde Blinken der Sterne im Wasser, mein
gleichmässiger Schritt an seiner Hand machte mir das Bewegte, Irrende in der
Natur um so fühlbarer, das rührte mich und berührt mich jetzt, während ich
schreibe. Was ist Rührung? - Ist das nicht göttliche Gewalt, die eingeht durch
meine Seele wie durch eine Pforte in meinem Geist, eindringt, sich mischt und
verbindet mit einer Natur, die vorher unberührt war, mit ihr neue Gefühle, neue
Gedanken, neue Fähigkeiten erzeugt! - Ist es nicht auch ein Traum, der den
grünen Teppich unter Deinen Füßen ausbreitet und ihn mit goldnen Blumen stickt?
- Und alle Schönheit, die Dich rührt, ist sie nicht Traum?
