 Geist. - Kann ich lieben, - ihn, der so erhaben
über mir steht? - Welt, wie bist Du enge? - Nicht einmal dehnt der Geist die
Flügel, so breitet er sie weit über Deine Grenze. Ich verlasse Wald und Aue, den
Spielplatz seiner dichterischen Lust, ich glaube den Saum seines Gewandes zu
berühren, - ich strecke die Hände aus nach ihm! - Es war mir, als fühle ich
seine Gegenwart im blendenden Schimmer, der sich zwischen Tränen malt. - Es ist
ja ein so einfacher Weg zwischen den Wolken durch, warum soll ich ihn nicht kühn
wandeln? - Siehe, der Äther trägt mich so gut wie der Rasen, - ich eile ihm
nach, wenn ich ihn auch nicht erreiche, kurz vor mir ist er diesen Wolkensteig
gewandelt, sein Atem verträgt sich noch mit dem Luftstrom, mag ich ihn doch
trinken.
    Nimm mich zurück, hilf mir herab, - das Herz bricht mir, ja das Herz ist
nicht stark genug, die leidenschaftliche Gewalt, die sich über die Grenze bäumt,
zu tragen. Führ mich zurück auf die Ebne, wo mein Genius mich ihm einst
entgegenführte in der blühenden Zeit zwischen Kindheit und Jugend, wo sich der
Augenstern zum erstenmal zum Licht erhob, und wo er mit vollen Strahlen mir den
Blick einnahm und jedes andere Licht mir wegdunkelte.
                                     * * *
O komm herein, wie Du zum erstenmal kamst vor das Antlitz des erblassenden,
verstummten, dem Verhängnis der Liebe folgenden Kindes, wie es da zusammensank,
da es das Richtschwert in Deinen Augen blitzen sah, wie Du es auffingst in
Deinen Armen, die seit Jahren gesteigerte Sehnsucht nach Dir mit einem Male
lösend. Der Friede, der mich überkam an Deiner Brust! Der süße Schlaf, einen
Augenblick, oder war's Betäubung? - Das weiß ich nicht. Es war tiefe Ruhe, wie
Du den Kopf über mich beugtest, als wolltest Du mich in seinem Schatten bergen,
und wie ich erwachte, sagtest Du: »Du hast geschlafen!« »Lange?« - fragte ich.
»Nun, Saiten, die lange nicht in meinem Herzen geklungen haben, fühlt ich
berührt, so ist mir die Zeit schnell genug vergangen.« Wie sahst Du mich so mild
an! - Wie war mir alles so neu! - Ein menschlich Antlitz zum erstenmal erkannt,
angestaunt in der Liebe. Dein Antlitz, o Goethe, das keinem andern vergleichbar
war, zum erstenmal mir in die Seele leuchtend. - O, Herrlicher! - Noch einmal
knie ich hier zu Deinen Füßen, ich weiß, Deine Lippen träufeln Tau auf mich
herab aus den Wolken, ich fühle mich wie belastet mit Früchten der Seligkeit
