 mich war zu erleben? - So waren denn alle
Schmerzen der Sehnsucht gelöst in freudiges Flügelrauschen des Geistes. Wie ein
junger Adler mit den Flügeln der Sonne zuwinkt, ohne sich emporzuschwingen, und
im Gefühl seiner Kraft sie auf ihre Bahn zu verfolgen sich genügen lässt: so war
ich heiter und froh. - Ich ging zu Bett und der Schlaf fiel über mich her wie
ein erquickender Gewitterregen.
    So ist von jeher und bis auf die heutige Stunde alles unbefriedigte Begehren
durch Kunstgefühl aufgelöst worden. Jedes in der heiligen Natur begründete
sinnliche Gefühl, alle unbefriedigte Leidenschaft steigert sich schon hier zu
der Sehnsucht, überzugehen in eine höhere Welt, wo das Sinnliche auch Geist
wird.
                                     * * *
Ich danke Dir, Freund, dass ich Dir alles sagen darf, unter allen Menschen weiß
ich keinen zweiten, dem ich diese Blätter hätte vertrauen mögen, ich will nicht
zweifeln, dass Du ihren Wert erkennst, sie enthalten das Heiligtum von Goethes
Pietät, aus der sein unendlicher Genius hervorgegangen war, der den Feuergeist
des Lieblings sanft zu lenken verstand, dass er sich stets glücklich fühlte und
in vollkommener Harmonie mit ihm. Mein Freund! - Dir ist's geschenkt, dass zutage
komme, was sonst nie, nicht einmal in meinen einsamen Träumen sich wiederholt
haben dürfte. Ich kann nicht über mich selbst entscheiden, was in mir vorgehe,
ich fühle mich in einem magischen Kreis von Wunderwahrheiten eingeschlossen
durch diese tiefen Erinnerungen, so dass ich sogar das Wehen der Luft von damals
mit zu empfinden glaube, dass ich mich umsehe, als stände er hinter mir, und dass
ich jeden Augenblick empfinde, wie durch die Berührung des irdischen Geistes von
einem himmlischen überirdischen Geist alles Denken in mir entsteht. So will ich
denn mein inniges Zutrauen zu Dir nicht verlieren und trotz schauerlichen
Nachtgespenstern, die Du mir entgegenscheuchst, dennoch fortfahren, Dir
mitzuteilen, wozu nur erprobte Treue berechtigt.
                                     * * *
Von ungemessner Höhe strömt das Licht der Sterne herab zur Erde, und die Erde
ergrünt und blüht in tausend Blumen den Sternen entgegen. Der Geist der Liebe
strömt auch aus ungemessner göttlicher Höhe herab in die Brust, und diesem Geist
entgegen lächeln auch die Liebkosungen eines blühenden Frühlings empor! Du! Wie
sich's die Sterne gefallen lassen, dass ihr Widerschein am frisch begrünten Boden
im goldnen Blumenfeld erblüht, so lasse auch Dir es gefallen, dass Dein höherer
Geist Dir tausendfältige Blüten der Empfindung aus meiner Brust hervorrufe.
Ewige Träume umspinnen die Brust, Träume sind Schäume, ja sie schäumen und
brausen die Lebensflut himmelan. Sieh, er kommt! - Ungeheure Stille in der
weiten Natur, - es regt sich kein Lüftchen, es regt sich kein Gedanke; willenlos
zu seinen Füßen der ihm gebundne
