 gehen, sieh, wie unsicher das Nachtlicht brennt, wie
beweglich die Flamme an der Decke spielt, grade so unsicher brennt eine Flamme
in meiner Brust, ich bin ihrer nicht gewiss, ob sie nicht auflodere und dich und
mich versehre.« Du drücktest meine Hände, Du gingst, ohne mich zu küssen. Ich
blieb allein; erst, wie es sonderbar mit Liebenden ist, war ich ruhig, ich
fühlte mich von Glanz umgeben und vom Glanz erfüllt, aber plötzlich durchdrang
mich der Schmerz, dass Du gegangen warst. Wem sollte ich's klagen, dass ich Dich
nicht mehr hatte? Ich trat vor den Spiegel, da sah mein blasses Antlitz heraus,
so schmerzlich sah das Auge mich an, dass ich vor Mitleid gegen mich selbst in
Tränen ausbrach.
                                     * * *
 
                                   Dem Freund
Es ist, als ob jeder Atemzug sich wieder aus der Vergangenheit erhebe, was ich
vergessen zu haben glaubte, greift mit Macht in mich ein und erregt aufs neue
das Feuer verhaltner Schmerzen.
    So weit habe ich in der Nacht geschrieben, heut am Tag schreibe ich noch als
psychologische Merkwürdigkeit her, auf welche wunderbare Weise ich mich
beschwichtigte, wie die geängstete, mit aller Willenskraft der Jugend
ausgerüstete Seele sich half. - Auf dem Tisch vor dem Spiegel kniend, bei dem
unsicheren Flackern der Nachtlampe, hilfesuchend im eignen Auge, das mir mit
Tränen antwortete, die Lippen zuckten, die Hände so festgefaltet auf der Brust,
die bedrängt, erfüllt war von Seufzern. Siehe da! - Wie oft hatte ich gewünscht,
auch einmal vor ihm seine eigne Dichtung aussprechen zu dürfen, plötzlich fielen
mir die großen gewaltigen Eichen ein, wie die vor wenig Stunden im Mondlicht
über uns gerauscht hatten, und zugleich der Monolog der Iphigenia auf Tauris,
der so beginnt: »Heraus in eure Schatten, rege Wipfel des alten heiligen
dichtbelaubten Haines.« - Ich stand aufrecht vor dem Spiegel, es war mir, als ob
Goethe zuhöre, ich sagte den ganzen Monolog her, laut, mit einer gewiss zum
höchsten Grad des Kunstgefühls gesteigerten Begeisterung. Oft musste ich
innehalten, das leise verhaltne Beben der Stimme gab mir die Pausen ein, die in
diesem Monolog so wesentlich sind, weil unmöglich die nach allen Seiten sich
scharfrichtenden Blicke auf Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart, die seinen
Inhalt ausmachen, alles in einem ununterbrochnen Lauf auffassen können. Meine
Rührung, mein tief von Goethes Geist erschütterter Geist waren also
Veranlassung, mein dramatisches Kunstgefühl zu steigern; ich empfand deutlich
die Begeisterung der Begeisterung. - Ich fühlte mich wie in einer Wolke gebettet
aufwärts schwebend, eine göttliche Gewalt trieb diese Wolke entgegen dem
Ersehnten und zwar in der Verklärung seines eignen Werkes, welche schönere
Apoteose seiner Einwirkung auf
