 immer auf eine sonderbare Spitze gehoben, nämlich zum Übermut. - Man war
in der Gesellschaft schon von Goethes Tode unterrichtet, ich erzählte, dass ich
eben nach Jahren zum erstenmal wieder an ihn geschrieben, sie machten alle trübe
Gesichter, aber keiner teilte mir die Nachricht mit. Nachts um ein Uhr nach
Haus; die Zeitung lag an meinem Bett, ich las die Anzeige seines Todes, ich war
allein, ich brauchte keinem Red und Antwort zu geben über mein Gefühl; ich
konnte so ruhig dabei sein und entgegensehen allem, was es mir bringen werde; da
war's ganz deutlich, dass diese Liebesquelle mir nicht versiegt sei mit dem Tod,
ich schlief ein und träumte von ihm und erwachte, um mich zu freuen, dass ich ihn
eben im Traum gesehen, und ich schlief wieder ein, um weiter von ihm zu träumen,
und so verging mir diese Nacht voll süßem Trost, und ich war gewiss, sein Geist
habe sich mit mir versöhnt, und nichts sei mir verloren.
    Wem sollte ich nun wohl dies verwaiste Blatt vererben als dem Freund, der
mit so innigem Anteil mich von ihm sprechen hörte, und wenn es ihm auch nur wär,
was ein falbes Blatt ist, das der Wind vor seinen Füßen hinwirbelt, er wird doch
erkennen, dass es am edlen Stamm gewachsen ist. -
    Ich will den Ausgang jenes Abends mit Goethe hier auserzählen: Als ich
wegging, begleitete er mit der Kerze mich ins zweite Zimmer, indem er mich
umfasste, fiel das brennende Licht an die Erde, ich wollte es aufheben, er aber
litt es nicht. »Lass es liegen«, sagte er, »es soll mir ein Mal in den Boden
brennen, wo ich dich zuletzt gesehen habe, sooft ich dran vorübergehe, will ich
deiner lieben Erscheinung gedenken. Bleib mir treu, bleib mein«, sagte er; so
küsste er mich auf die Stirn und schob mich zur Tür hinaus.
    Wär es nicht unrecht, dass am Fest der Verklärung die Nebel geheimer Vorwürfe
aufstiegen und den sonnenhellen Horizont verdunkelten, so würde ich dem Freund
hier verklagen, grade die, von der er weiß, dass sie gern rein und frei von jedem
Fehl in der Liebe erscheinen möchte, ja dies beschämte Herz! Sieh, wie groß
seine Vergehen sind gegen die Liebe, der nicht bloß ein Zweig vom heiligen Baum
des Ruhms anvertraut war, nein, der Baum selbst, der diese Sprossen sich ewig
verjüngend treibt, war ihr zur Pflege befohlen, und sie hat sein nicht geachtet,
ist nicht geblieben im Schutze dieses Baumes, der ohne sie fortgrünte.
                                     * * *
 
                                   An Goethe
Aufgefahren gen Himmel! Die Welt leer, die Triften öde; denn
