 sich
hob, und streifte über die Saiten, um den Jubel der kleinen Sängerin durch den
Takt zu mäßigen. Wie still war's nach dem Gewitter! welche heilige Ruhe folgte
dieser Begeisterung im Sturm! mit ihr breitete die Dämmerung sich über die weiten
Gefilde, meine kleine Sängerin schwieg, sie war müde geworden. Ach, wenn der
Genius aufleuchtet in uns und unsere gesamten Kräfte aufregt, dass sie ihm
dienen, wenn der ganze Mensch nichts mehr ist, als nur dienend dem Gewaltigen,
dem Höheren als er selbst, und die Ruhe folgt auf solche Anstrengung, wie mild
ist es da, wie sind da alle Ansprüche, selbst etwas zu sein, aufgelöst in
Hingebung an den Genius! So ist Natur, wenn sie ruht vom Tagewerk: sie schläft,
und im Schlaf gibt es Gott den Seinen. So ist der Mensch, der unterworfen ist
dem Genius der Kunst, dem das elektrische Feuer der Poesie die Adern
durchströmt, den prophetische Gabe durchleuchtet, oder der wie Beethoven eine
Sprache führt, die nicht auf Erden, sondern im Äther Muttersprache ist. Wenn
solche ruhen von begeisterter Anstrengung, dann ist es so mild, so kühl, wie es
heute nach dem Gewitter war in der ganzen Natur, und mehr noch in der Brust der
kleinen Nachtigall, denn sie schlief wahrscheinlich heute noch tiefer als alle
andren Vögel, und um so kräftiger und um so inniger wird ihr der Genius, der es
den Seinen im Schlaf gibt, vergolten haben, ich aber stieg nach eingeatmeter
Abendstille von meinem Baum herab, und durchdrungen von den hohen Ereignissen
des eben Erlebten, sah ich unwillkürlich die Menschheit über die Achsel an.
                                     * * *
Alles ändert sich, die Menschen denken anders, wenn sie älter sind, als in der
Jugend. Ach! - was werde ich denn einstens denken, wenn mich dies irdische Leben
so lange bewahrt, bis ich älter in ihm werde! vielleicht gehe ich, statt zu dem
Freund, dann in die Kirche, vielleicht bete ich dann, statt zu lieben! Ach, wie
werd ich's dem Lieben gleichtun im Beten? - Hab ich je Andacht empfunden, so
war's an Deiner Brust, Freund! - Tempelduft, den Deine Lippen hauchen, Geist
Gottes, den Deine Augen predigen, es strömt von Dir aus eine begeisternde Macht,
Deine Gewande, Dein Antlitz, Dein Geist, alles strömt eine Heiligung aus. O Du!
- Deine Knie fest an meine Brust drückend, frag ich nicht mehr, was das für eine
Seligkeit sein möge, die im Himmel dem Frommen bereitet ist. - Gott von
Angesicht zu Angesicht schauen? - Wie oft hab ich mit geschlossnen Augen Deiner
Nähe mich gefreut.
