 mir entgegen, wir lächeln uns an, und ich kann's nicht länger
bezweifeln, dass ich mein Bild im Spiegel erblicke.
    Ach ja, diese Prophezeiung ist mir wahr geworden, ich habe keinen andern
Freund gehabt als mich selber, ich habe nicht um mich, aber oft mit mir geweint;
ich habe gescherzt mit mir, und das war noch rührender, dass am Scherz auch kein
andrer teilnahm, hätte mir damals einer gesagt, es sucht jeder in der Liebe nur
sich, und es ist das höchste Glück sich in ihr finden, ich hätt es nicht
verstanden, doch ist in diesem kleinen Ereignis eine hohe Wahrheit verborgen,
die gewiss nur wenige fassen: finde dich, sei dir selber treu, lerne dich
verstehen, folge deiner Stimme, nur so kannst du das Höchste erreichen. Du
kannst nur dir treu sein in der Liebe, was du schön findest, das musst du lieben,
oder du bist dir untreu.
    Schönheit erzeugt Begeisterung, aber Begeisterung für Schönheit ist die
höchste Schönheit selbst. Sie spricht das erhöhte, verklärte Ideal des Geliebten
durch sich selbst aus.
    Gewiss, die Liebe erzieht eine höhere Welt aus der Sinnenwelt; der Geist wird
durch die Sinne genährt, gepflegt und getragen, er wächst und steigt durch sie
zur Selbstbegeistrung, zum Genie, denn Genie ist das überirdische selige Leben
einer durch die sinnliche Natur erzeugten himmlischen Begeisterung.
    Du erscheinst mir wie dies himmlische Erzeugnis meiner Sinnenwelt, wenn ich
so vor Dir stehe und Dir ausspreche, wie ich Dich liebe, und doch, wenn ich so
vor Dir stehe, dann fühl ich wie Deine sinnliche Erscheinung mich verklärt und
zur himmlischen Natur in mir wird.
                                     * * *
Jetzt bin ich dreizehn Jahr alt, jetzt rückt die Zeit an, die aus dem Schlaf
weckt, die jungen Keime haben Trieb und rücken aus ihrer braunen Hülle hervor
ans Licht, und die Liebe des Kindes neigt sich den aufkeimenden Geschlechtern
der Blumen; sein Herz glüht verschämt und innig ihren vielfarbigen duftenden
Reizen entgegen und ahnt nicht, dass währenddem eine Keimwelt von
tausendfältigen Geschlechtern der Sinne und des Geistes sich aus der Brust
hervor, dem Leben, dem Licht entgegendrängt. - Siehst Du wohl hier bestätigt,
was ich sage: die Liebe zu der aufkeimenden Blütenwelt der sinnlichen Natur
erregt die schlafenden Keime einer geistigen Blütenwelt; indem wir die sinnliche
Schönheit gewahr werden, erzeugt sich in uns ein geistig Ebenbild, eine
himmlische Verklärung dessen, was wir sinnlich lieben. - So war meine erste
Liebe, im Garten: in der Geissblattlaube war ich jeden Morgen mit der Sonne und
drängte mich dem Aufbrechen ihrer rötlichen Knospen entgegen, und wie ich in die
erschlossnen Kelche blickte, da liebte ich und betete die Sinnenwelt in den
