; könnt ich Dir beschreiben, wie wohl mir ist.
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Wenn heut der Tag wäre, wo ich Dich wiedersehe! Heute! in wenig Sekunden trätest
Du hier in meine vier Wände, in denen ich schon seit einem Sommer das
Zauberhandwerk treibe, Dich zu besitzen; ja und manchen Augenblick warst Du
mein, meine Liebe zog Dich heran. Ich sah in die Ferne, im Herzen sah ich nach
Dir und erkannte Dich. Etwas sich aneignen, etwas besitzen, dazu gehört eine
große Kraft; etwas besitzen wenn auch nur Minuten lang, erzeugt Wunder; was Du
besitzest im Geist, das erkennst Du, was Du erkennst, das nimmt Dich ein, was
Dich einnimmt, das erschliesst Dir eine neue Welt.
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Der Geist will Selbsterrscher sein! der eigne Besitz ist seine wahre Kraft;
jede Wahrheit, jede Offenbarung ist ein Berühren des eigenen Geistes,
durchdringst Du ihn, schmilzt Deine Seele in Deinen Geist: dann hast Du alles,
was Du vermagst, und jede Offenbarung und Dein Leben ist Dein fortwährendes
Wissen, und Dein Wissen ist Dein Sein, Dein Erzeugen. Alle Erkenntnis ist Liebe,
darum ist es so selig zu lieben, weil im Lieben der Besitz liegt der eignen
göttlichen Natur.
    Hast Du geliebt? es war eine Spur göttlicher Natur, Du hobst die Grenze
Deines Seins auf und dehntest Dich aus im Besitz Deiner Liebe. Dieses Ausdehnen
ist der Kreislauf Deiner geistigen Natur; was Du liebst, das ist ein Reich, in
das Du geboren bist, dass Du vermagst in ihm zu leben. Ach es ist so groß, so
unendlich das Reich der Liebe, und doch umschließt es das menschliche Herz.
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So wollen wir dann das Kloster verlassen, in dem kein Spiegel war, und in dem
ich also während vier Jahren vergeblich die Bekanntschaft meiner Gesichtszüge,
meiner Gestalt gesucht haben würde, doch ist es mir in dieser ganzen Zeit nie
eingefallen daran zu denken, wie ich wohl aussähe; es war mir eine große
Überraschung, wie ich im dreizehnten Jahre zum erstenmal mit zwei Schwestern,
umarmt von der Großmutter, die ganze Gruppe im Spiegel erblickte. Ich erkannte
alle, aber die eine nicht, mit feurigen Augen, glühenden Wangen, mit schwarzem,
fein gekräuseltem Haar; ich kenne sie nicht, aber mein Herz schlägt ihr
entgegen, ein solches Gesicht hab ich schon im Traum geliebt, in diesem Blick
liegt etwas, was mich zu Tränen bewegt, diesem Wesen muss ich nachgehen, ich muss
ihr Treue und Glauben zusagen; wenn sie weint, will ich still trauern, wenn sie
freudig ist, will ich ihr still dienen, ich winke ihr, - siehe, sie erhebt sich
und kommt
