 Zutrauen
verzehrten sie meine Lippen wie Liebende den ersten Kuss verzehren. Und es gibt
Küsse, von denen fühl ich, sie schmecken wie Maulbeeren.
    Sag, sind das Abenteuer? - und würdig, dass ich sie Dir erzähle?
                                     * * *
Und soll ich Dir noch mehr erzählen von diesen einfachen Ereignissen, die so
gewöhnlich sind wie der Atem, der die Brust hebt, und doch fanden sie auf der
reinen, noch unbeschriebenen Tafel der Erinnerung einen unverlöschbaren
Eindruck. Sieh, wie dem Kind in den Windeln die ganze sinnliche Natur zur
Nahrung seiner Kräfte gedeiht, bis es mannbar wird und mit seinen Gliedern das
Pferd und das Schwert regiert, so gedeiht auch das Empfinden der Geistigkeit des
Naturlebens zur Nahrung des Geistes. Nicht jetzt noch würde ich jene
Sonnenstrahlen mit dem Auge der Erinnerung auffangen, nicht mich der Wolkenzüge
als erhabener Begebnisse erinnern, die Blumen der verschwundenen Frühlinge
würden mir nicht heute noch mit ihren Farben und Formen zulächeln, und die
reifen Früchte, denen ich liebkoste, eh ich sie genoss, würden mich nicht nach
verschwundenen Jahren, wie aus den Träumen seliger Genüsse, mahnen an die
heimliche Lust. - Sie lachten mich an, diese runden Äpfel, die gestreiften
Birnen und die schwarzen Kirschen, die ich mir aus den höchsten Zweigen
erkletterte. O keine Erinnerung brennt mehr in meinem Herzen, auf meinen Lippen,
die dieser den Rang abliefe; nicht Du, nicht andre haben für die süße Kost der
Kirsche, auf höchstem Gipfel im brennenden Sonnenlicht gereift, oder der
waldeinsamen Erdbeere, unter betautem Gras aufgefunden, mich nur einmal
entschädigt. Darum, weil er denn in den Geist so tief eingegraben ist, der Genuss
kindlicher Jugend, so tief wie die Flammenschrift der Leidenschaft, so ist er
wohl auch eine göttliche Offenbarung, und er bedingt viel in der Brust, in der
er haftet.
    Gedanken sind auch Pflanzen, sie schweben im geistigen Äther, die Empfindung
ist ihre Muttererde, in der sie ihre Wurzeln ausdehnen und nähren; der Geist ist
ihre Luft, in dem sie ihre Blüten ausbreiten und ihren Duft; der Geist, in dem
viele Gedanken ihre Blüten treiben, der ist ein gewürziger Geist, in seiner Nähe
atmen wir seine Verklärung. Die ganze Natur ist aber ein Spiegel von dem, was im
Geistesleben vorgeht. Keinem Sommervogel hab ich umsonst nachgejagt, mein Geist
empfing dadurch die Befähigung, einem verborgenen, idealischen Reiz nachzujagen;
und hab ich das klopfende Herz in die hohen Kräuter der blühenden Erde gedrückt:
ich lag am Busen einer göttlichen Natur, die meiner Inbrunst, meiner Sehnsucht
kühlenden Balsam zuträufelte, der alles Begehren in geistiges Schauen
umwandelte. -
    Die wandelnden Herden in der Abenddämmerung mit ihrem Geläut, die ich oben
von der Mauer
