 sich anzusaugen strebt, ich bewunderte dies unzertrennliche
Anklammern in jede Fuge, und wenn der Frühling erschöpft war und die
Sommergluten dem jungen weichen Keimleben dieser zarten Pflanze einfeuerten, da
fielen allmählich ihre zierlichen rotgefärbten Blätter zum Schmuck des Herbstes
ins Gras. Ach, ich auch! Absterbend, aber feurig werd ich von Dir Abschied
nehmen; und diese Blätter werden wie jenes rote Laub auf dem grünen Rasen
spielen, der diese Zeiten deckt.
                                     * * *
Ich bin nicht falsch gegen Dich; - Du sagst: »Wenn Du falsch bist, Du hättest
keine Ehre davon, in bin leicht zu betrügen.«
    Ich will nicht falsch sein, ich frage nicht, ob Du falsch bist, sondern wie
Du bist, will ich Dir dienen.
    Den Stern, der dem Einsamen jeden Abend leuchtet, den wird er nicht
verraten.
    Was hast Du mir getan, was mich zur Falschheit bewegen könnte, alles, was
ich an Dir verstehe, das beglückt mich; Du kannst weder Auge noch Geist
beleidigen, und es hat mich weit über jede kleinliche Bedingung erhoben, dass ich
Dir vertrauen darf; und aus dem tiefsten Herzen kann ich Dir immer nur den
reinen Wein einschenken, in dem Dein Bild sich spiegelt.
    Nicht wahr, Du glaubst nicht, dass ich falsch bin? -
    Es gibt böse Fehler, die an uns hervorbrechen wie das Fieber; es hat seinen
Verlauf, und wir empfinden in der Genesung, dass wir schmerzlich krank waren;
aber Falschheit ist ein Gift, das sich in des Herzens Mitte erzeugt, könnte ich
Dich nicht mehr in dieser Mitte herbergen, was sollte ich anfangen?
    In meinen Briefen wollte ich Dir nichts sagen, aber hier im Buch, da lasse
ich Dir die Hand in meine Wunde legen, und es tut weh, dass Du an mir zweifeln
kannst; ich will Dir erzählen aus meinen Kindertagen, aus der Zeit, eh ich Dich
gesehen hatte. Wie mein ganzes Leben ein Vorbereiten war auf Dich; wie lange
kenne ich Dich schon, wie oft hab ich Dich gesehen mit geschlossenen Augen, und
wie wunderbar war's, wie endlich die wirkliche Welt sich in Deiner Gegenwart an
die lang gehegte Erwartung anschloss.
                                     * * *
In den hängenden Gärten der Semiramis bin ich erzogen, ich glattes, braunes,
feingegliedertes Rehchen, zahm und freundlich zu jedem Liebkosenden, aber
unbändig in eigentümlichen Neigungen. Wer konnte mich vom glühenden Fels
losreißen in der Mittagssonne? - Wer hätte mich gehemmt, die steilsten Höhen zu
erklettern und die Gipfel der Bäume? Wer hätte mich aus träumender Vergessenheit
geweckt mitten unter den Lebenden oder meine begeisterten Nachtwanderungen
gestört auf nebelerfülltem Pfad! - Sie ließ mich gewähren, die Parzen, Musen
und Grazien, die
