 gibt nichts, was ein volles Herz Dir mehr zu bieten vermöchte!
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Freund! Morgendämmerung weckt mich schon, und ich habe doch gestern tief in die
Nacht hinein gewacht. Freund! Süsser! Geliebter! Es war eine kurze Zeit des
Schlafs, denn ich hab von Dir geträumt; im Wachen oder im Traum, mit Dir, da
eilen die Rosse unbändig. Drum pocht das Herz und Wange und Schläfe erhitzt,
weil die Zeit so rücksichtslos auf die seligen Minuten vorüberjagt. Wenn die
Angst um die Flucht des Besitzes nicht wär, wie wär da Lieb und Lust ein tiefer
Friede, ein Schlaf, ein Behagen der Ruhe! Wenn wir an Gräbern vorübergehen und
uns besinnen, wie sie da verdeckt liegen und beschwichtigt, die pochenden
Herzen, dann befällt uns feierliche Rührung; wenn aber die Liebe sich einsenken
könnte zu zweien, wie sie es bedarf, so tief abgeschieden wie im Grab, und wenn
auch die Weltgeschichte über die Stätte hintanzte, - was ging sie uns an? - Ja,
das kann ich wohl fragen, aber Du nicht.
    Was ich träumte? Wir standen aneinander gelehnt im nächtlichen Dämmerlicht,
das Sternenlicht spiegelte sich in Deinen Augen. Traumlicht, Sternenlicht,
Augenlicht spiegelten ineinander. - Dies Auge, das hier folgt den Zeilen, die
meine Hand an Dich schreibt, in ungemessene Ferne, - denn ach wie fern Du mir
bist, das kann ja doch nur Dein Herz entscheiden - dies Auge sah heute nacht in
Deinem Auge den Schein des Mondes sich spiegeln.
    Ich träumte von Dir; Du träumtest mit mir; Du sprachst; ich empfinde noch
den Ton Deiner Stimme; was Du sagtest, weiß ich nicht mehr; Schmeichelreden
waren's, denn mit Deinen Reden gingen Schauer von Wollust durch mich.
    Gott hat alles gemacht, und alles aus Weisheit und alle Weisheit für die
Liebe, und doch sagen sie, ein Liebender sei toll!
    Weisheit ist die Atmosphäre der Liebe, der Liebende atmet Weisheit, sie ist
nicht außer ihm, nein, - sein Atem ist Weisheit, sein Blick, sein Gefühl, und
dies bildet seinen Nimbus, der ihn absondert von allem, was nicht der Wille der
Liebe ist, der Weisheit ist.
    Weisheit der Liebe gibt alles, sie lenkt die Phantasie im Reich der Träume
und schenkt der Lippe die süße Frucht, die ihren Durst löscht, während die
Unbegeisterten sich nach dem Boden umtun, dem sie den Samen anvertrauen möchten,
aus dem ihr Glück reifen könnte, um das sie ihre Vorsicht betrügt.
    Ich aber sauge Genuss aus diesen Träumen, aus diesen Wonnen, die mir ein Wahn
von Schmerz, ein eingebildetes Glück erregt; und die Weisheit, die meiner
Begeisterung zuströmt;
