 mir durchflogen? Hat er keinen Atemzug, in
seinem Rasen und Toben, keinen Hauch von Dir mit fortgerissen?
    Ich habe den Glauben an eine Offenbarung des Geistes; sie liegt nicht im
Gefühl, im Schauen oder im Vernehmen; sie bricht hervor aus der Gesamtheit der
auffassenden Organe; wenn die alle der Liebe dienen, dann offenbaren sie das
Geliebte; sie sind der Spiegel der inneren Welt.
    Ein Dasein im Geliebten haben ohne einen Standpunkt sinnlichen Bewusstseins,
was kann mächtiger uns von unserer geistigen Macht und Unendlichkeit überzeugen?
-
                                     * * *
Sollte ich Dir heute nichts zu sagen haben? - Was stört mich denn heute am
frühen Morgen? Vielleicht, dass die Sperlinge die Schwalben hier aus dem Nest
unter meinem Fenster vertrieben haben? - Die Schwalben sind geschwätzig, aber
sie sind freundlich und friedlich; die Sperlinge argumentieren, sie behaupten
und lassen sich ihren Witz nicht nehmen. Wenn die Schwalbe heimkehrt von den
Kreisflügen um ihre Heimat, dann ergießt sich die Kehle in lauter liebkosende
Mitteilung, ihr gegenseitiges Gezwitscher ist das Element ihrer Liebeslust, wie
der Äther das Element ihrer Weltanschauung ist. Der Sperling fliegt da und
dorthin, er hat sein Teil Eigensucht, er lebt nicht wie die Schwalbe im Busen
des Freundes.
    Und nun ist die Schwalbe fort, und der Sperling hat ihren Wohnsitz, wo süße
Geheimnisse und Träume ihre Rollen spielten.
    Ach! - Du! Meine schlüpfrige Feder hätte schier Deinen Namen geschrieben,
während ich im Zorn bin, dass die Schwalbe vom Sperling verjagt ist. Ich bin die
Schwalbe, wer der Sperling ist, das magst Du wissen, aber ich bin wahrhaftig die
Schwalbe.
                                     * * *
                                                                  Um Mitternacht
Gesang unter meinem Fenster; sie sitzen auf der Bank an der Haustür; der Mond,
wie er mit den Wolken spielt, hat sie wohl zum Singen gebracht, oder auch die
Langeweile der Ruhe; die Stimmen verbreiten sich durch die Einsamkeit der Nacht,
da hört man nichts als nur das Plätschern der Wellen am Ufer, die die langen
gehaltenen Intervalle dieses Gesangs ausfüllen.
    Was ist dieser Gesang für mich? Warum bin ich in seine Gewalt gegeben, dass
ich mich der Tränen kaum enthalte? - Es ist ein Ruf in die Ferne; wärst Du
jenseits, wo seine letzten Töne verhallen, und empfändest den Ausdruck der
herzlichen Sehnsucht, den er in mir aufgeregt hat, und wüsstest, dass in Dir das
Glück der Befriedigung läge!
    Ach schlafen! Nicht mehr dem Gesang zuhören, da ich doch aus der Ferne nicht
das Echo des Gleichgestimmten vernehme!
    Es ist wenig, was ich Dir hier mitteile: eintöniger Gesang, Mondesglanz,
tiefe Schatten, geistermässige Stille, Lauschen in die Ferne, das ist alles, und
doch - es
