
    Was Liebster? - Was soll ich Dir schwören? Wohl, dass ich Dir ferner getreu
sein will, ob Du es achtest oder nicht? - Oder dass ich Dich heimlich lieben
will, heimlich nur diesem Buch, und nicht Dir es bekennend? Treu sein, kann ich
nicht schwören, das ist zu selbständig, und ich bin schon an Dich aufgegeben und
vermag nichts über mich; da kann ich für Treue nicht stehen. Heimlich Dich
lieben, nur diesem Buch es bekennen? -
    Das kann ich nicht, das will ich nicht; dies Buch ist der Widerhall meiner
Geheimnisse, und an Deiner Brust wird er anschlagen. O nimm ihn auf, trink ihn,
lasse Dich laben; einen einzigen heißen Mittag gehe Dein Blick unter, trunken,
ein einziges Mal, in diesem glühenden klaren Liebeswein.
    Was soll ich Dir schwören? -
                                     * * *
Heut will ich Dir sagen, wie es gestern war: so unter Dach einer schöneren
Vorwelt, vom tausendfarbigen Morgenlicht umwebt, die Hand auf diesem Altar, der
früher wohl nie unter mystischen Beziehungen berührt war; Herr! - da war mein
Herz auf eine wunderliche Weise befangen; - ich fragte Dich zum Scherz, in süßem
Ernst: »Was soll ich schwören?« - Und da fragt ich mich wieder: »Ist das die
Welt, in der du lebst?« Und kannst du scherzen mit dir selbst, hier in der
einsamen Natur, wo alles schweigt und feierlich Gehör gibt deiner innern Stimme?
- Dort im fernen Gefild, wo die Lerche jubelnd aufsteigt, und am Gesimse des
Tempels, wo die Schwalbe ihr Nest birgt und zwitschert? Und ich lehnte meine
Stirne an den Stein, und dachte Dich; ich lief hinab ans Ufer und sammelte
Balsamkräuter und legte sie auf den Altar; ich dachte: möchten die Blätter
dieses Buchs voll Liebe einmal Deinem Geist duften, wie diese Kräuter dem Geist
jener schönen Vorwelt, in deren Sinn der Tempel hier gebaut ist. - Dein Geist
spricht ja die heilige Ordnung der Schönheit aus wie er, und ob ich ihm was bin,
ob ich ihm was bleibe, das ist dann einerlei. Ja süßer Freund! ob ich Dir was
bin: was soll ich danach fragen? - Weiß ich doch, dass die Lerche nicht umsonst
jubelnd aufsteigt, dass der Morgenwind nicht ungefühlt in den Zweigen lispelt, ja
dass die ganze Natur nicht unbegriffen in ihr Schweigen versunken ist; was sollt
ich zagen, von Dir nicht verstanden, nicht gefühlt zu sein? - Drum will ich
nicht schwören, Dir etwas zu sein; es ist mir gewiss, dass ich Dir bin, was in
einstimmender Schönheit ein Ton der Natur, eine geistige Berührung dieser
sinnlichen Welt
