 auf ihrem akademischen
Eigensinn mit eitler Arroganz loszuhämmern. Ich zum wenigsten rufe den heiligen
Geist an, dass er Zeugnis gebe, dass er mir hier beigestanden, und dass er Dir
eingebe, es mit vorurteilslosem Blick, wo nicht von Güte gegen mich
übervorteilt, zu beschauen. Ich habe eine Durchzeichnung an Betmann geschickt,
auf dessen Bitte ich es gewagt habe, die Erfindung, die ich bei seinem Hiersein
gemacht, zu zeichnen. Ist es nicht zu viel gefordert, wenn ich Dich bitte, mir
den Empfang des Bildes mit wenigen Worten anzuzeigen?
    Am 11. Januar 1824
                                                                         Bettine
 
                                  Dritter Teil
                                   Tagebuch zu
                      Goethes Briefwechsel mit einem Kinde
                                 Buch der Liebe
In dieses Buch möcht ich gern schreiben von dem geheimnisvollen Denken einsamer
Stunden der Nacht, von dem Reifen des Geistes an der Liebe wie an der
Mittagssonne.
    Die Wahrheit will ich suchen, und fordern will ich von ihr die Gegenwart des
Geliebten, von dem ich wähnen könnte, er sei fern.
    Die Liebe ist ein inniges Ineinandersein; ich bin nicht von Dir getrennt,
wenn es wahr ist, dass ich liebe.
    Diese Wellen, die mich längs dem Ufer begleiten, die reifende Fülle der
Gelände, die sich im Fluss spiegelt, der junge Tag, die flüchtenden Nebel, die
fernen Gipfel, die die Morgensonne entzündet, das alles seh ich an, und wie die
Biene den Honig sammelt aus frischen Blüten, so saugt mein Blick aus allem die
Liebe und trägt sie heim und bewahrt sie im Herzen wie die Biene den Honig in
der Zelle.
    So dacht ich am heutigen Morgen, da ich am Rhein hinfuhr und durch dies
aufgeregte Leben der Natur mich drängte, fort, dem stillen einsamen Abend
entgegen, weil es da ist, als sage mir eine Stimme, der Geliebte ist da; - und
weil ich da die Erinnerungen des Tages wie Blumen vor ihm ausstreue; und weil
ich da mich an die Erde legen kann und sie küssen Dir zu Lieb, diese schöne
Erde, die den Geliebten trägt, dass ich mich hinfinden kann zu ihm.
                                     * * *
                                                   Schwalbach, auf der Mooshütte
Namen nennen Dich nicht!
    Ich schweige und nenne Dich nicht, ob's auch süß wär, Dich bei Namen zu
rufen.
    O Freund! schlanker Mann! weicher hingegossner Gebärde, Schweigsamer! - Wie
soll ich Dich umschreiben, dass mir Dein Name ersetzt sei? - Beim Namen rufen ist
ein Zaubermittel, den Entfernten zur Erinnerung aufzuregen; hier auf der Höhe,
wo die waldigen Schluchten siebenfaches Echo zurückgeben, wage ich nicht Deinen
Namen preiszugeben; ich will nicht hören eine Stimme, die eben so heiß, so
eindringend Dir ruft.
    O Du! Du selbst! - Ich will Dir's nicht sagen
