 lässt von irdischer Schwere, keine Liebe, keine Bewunderung
ihre Flügel versucht, um die Nebel zu durchdringen, in die der Scheidende sich
einhüllt, und die zwischen hier und jenseits aufsteigen, bin ich in liebender
Ahnung Dir schon vorangeeilt, und während Freunde, Kinder und Schützlinge, und
das Volk, das Dich seinen Dichter nennt, die Seele zum Abschied bereitend, Dir
in feierlichem Zug langsam nachschreitet, schreite, fliege, jauchze ich
bewillkommend Dir entgegen, die Seele in den Duft der Wolken tauchend, die Deine
Füße tragen, aufgelöst in die Atmosphäre Deiner Beseligung; ob wir uns in diesem
Augenblick verstehen, mein Freund! Der noch den irdischen Leib trägt, dieser
Leib, der seinen Geist, ein Urquell der Grazie, ausströmte über mich, mich
heiligte, verwandelte, der mich anbeten lehrte die Schönheit im Gefühl, der
diese Schönheit als einen schützenden Mantel über mich ausbreitete und mein
Leben unter dieser Verhüllung in einen heiligen Geheimniszustand erhgb, ob wir
uns verstehen, will ich nicht fragen in diesem Augenblick tiefster Rührung. Sei
bewegt, wie ich es bin; lass mich erst ausweinen, Deine Füße in meinen Schoss
verbergend, dann ziehe mich herauf ans Herz, gib Deinem Arm noch einmal die
Freiheit, mich zu umfassen, lege die segnende Hand auf das Haupt, das sich Dir
geweihet hat, überströme mich mit Deinem Blick, nein! mehr! verdunkle, verberge
Deinen Blick in meinem, und es wird mir nicht fehlen, dass Deine Lippen die Seele
auf den meinen als Dein Eigentum besiegeln. Dies ist, was ich diesseits von Dir
verlange.
    Im Schoße der Mitternacht, umlagert von den Prospekten meiner Jugend; das
hingebendste Bekenntnis aller Sünden, deren Du mich zeihen willst im Hinterhalt,
den Himmel der Versöhnung im Vorgrund, ergreife ich den Becher mit dem
Nachttrunke und leere ihn auf Dein Wohl, indem ich bei dem dunkeln Erglühen des
Weines auf kristallnem Rande der herrlichen Wölbung Deiner Augen gedenke.
                                                                    Am 1. Januar
Der herrlichen Wölbung Deiner Augen gedenkend auch heute am ersten Tag des
Jahres, da ich so unwissend bin wie am ersten Tag meines Lebens, denn nichts hab
ich gelernt, und keine Künste hab ich versucht, und keiner Weisheit bin ich mir
bewusst; allein der Tag, an dem ich Dich gesehen habe, hat mich verständigt mit
dem, was Schönheit ist. Nichts spricht überzeugender von Gott, als wenn er
selbst aus der Schönheit spricht, so ist denn selig, wer da sieht, denn er
glaubt; seit diesem Tag hab ich nichts gelernt, wo ich nicht durch Erleuchtung
belehrt wurde. Der Erwerb des Wissens und der Künste schien mir tot und nicht zu
beneiden, Tugend, die nicht die höchste Wollust ist, währt nur kurz
