 mein Denken, mein Fühlen, ein Aufruf an Dich: Komm! Sei bei
mir! Finde mich in diesem Dunkel! - Es ist mein Atem, der um Deine Lippen
spielt, der Deine Brust anfliegt; - so dachte ich aus der Ferne zu Dir, und
meine Briefe trugen Dir diese Melodien zu; es war mein einzig Begehren, dass Du
meiner gedenken mögest, und so wie in Gedanken ich immer zu Deinen Füßen lag,
Deine Knie umfassend, so wollte ich, dass Deine Hand segnend auf mir ruhe. Dies
waren die Grundakkorde meines Geistes, die in Dir ihre Auflösung suchten. - Da
war ich, was allein Seligkeit ist: ein Element von Gewalten höherer Natur
durchdrungen, meine Füße gingen nicht, sie schwebten der Zukunftsfülle entgegen
über die irdischen Pfade hinaus; meine Augen sahen nicht, sie erschufen die
Bilder meiner seligsten Genüsse; und was meine Ohren von Dir vernahmen, das war
Keim des ewigen Lebens, der vom Herzen aus mit fruchtender Wärme gehegt ward.
Sieh, ich durcheile mit diesen Erinnerungen die Vergangenheit. Zurück! Von
Klippe zu Klippe abwärts, ins Tal einsamer Jugend; hier Dich findend, das
bewegte Herz an Deiner Brust beschwichtigend, fühl ich mich zu dieser
Begeisterung aufgeregt, mit der der Geist des Himmels in menschlicher Empfindung
sich offenbart.
    Dich auszusprechen wär wohl das kräftigste Insiegel meiner Liebe, ja es
bewiese als ein Erzeugnis göttlicher Natur meine Verwandtschaft mit Dir. Es wär
ein gelöstes Rätsel, gleich dem lange verschlossnen Bergstrom, der endlich zum
Lichte sich drängt, den ungeheuren Sturz mit wollüstiger Begeisterung erleidend,
in einem Lebensmoment, durch welchen, nach welchem ein höheres Dasein beginnt. -
Du Vernichter, der Du den freien Willen von mir genommen, Du Erzeuger, der Du
die Empfindung des Erwachens in mich geboren; mit tausend elektrischen Funken
aus dem Reiche heiliger Natur mich durchzuckt. Durch Dich hab ich das Gewinde
der jungen Rebe lieben lernen, auf ihre bereiften Früchte fielen meiner
Sehnsucht Tränen. Das junge Gras hab ich um Deinetwillen geküsst, die offene Brust
um Deinetwillen dem Tau geboten, um Deinetwillen hab ich gelauscht, wenn der
Schmetterling und die Biene mich umschwärmten. Denn Dich wollte ich empfinden in
dem heiligsten Kreis Deiner Genüsse. O Du! im Verborgnen mit der Geliebten
spielend! Musste ich, die das Geheimnis erlauscht hatte, nicht liebetrunken
werden?
    Ahnest Du die Schauer, die mich durchbebten, wenn die Bäume ihren Duft und
ihre Blüten auf mich schüttelten? - Da ich dachte, empfand und fest glaubte, es
sei Dein Kosen mit der Natur, Dein Genießen ihrer Schönheit, ihr Schmachten, ihr
Hingeben an Dich, die diese Blüten von den bewegten Zweigen löse und sie leise
niederwirble in meinen Schoss. O
