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Eine Zeitlang flattert die Seele am Boden, aber bald schwebt sie aufwärts in den
kühlenden Äther. Schönheit ist Äther! - Sie kühlt, - nicht entflammt. - Die
Schönheit erkennen, das ist die wahre Handlung der Liebe. - Liebe ist kein
Irrtum, aber ach! der Wahn, der sie verfolgt. - Du siehst, ich will einen
Eingang suchen mit Dir zu sprechen, aber wenn ich auch auf Koturnen schreite -
der Leib ist zu schwach, den Geist zu tragen, - beladne Äste schleifen die
Früchte am Boden. Ach! Bald werden diese Träume ausgeflammt haben.
                                                               Den 29. Juni 1822
Du siehst an diesem Papier, dass es schon alt ist, und dass ich's schon lang mit
mir herumtrage, ich schrieb's im vorigen Jahr, gleich nachdem ich Dich verlassen
hatte. Es war mir plötzlich, als wollen alle Gedanken mit mir zusammenbrechen,
ich musste aufhören zu schreiben; doch ruft von Zeit zu Zeit eine Stimme, dass ich
Dir noch alles sagen soll. Ich geh aufs Land, da will ich womöglich den Blick
über dies Erdenleben hinaustragen, ich will ihn in Nebel hüllen, dass er nichts
gewahr werde außer Dir. - Außer der Sonne, die den Tautropfen in sich fasset,
soll er nichts fassen. Jede Blüte, die sich dem Lichte öffnet, fasset einen
Tautropfen, der das Bild der wärmenden belebenden Kraft aufnimmt; aber Stamm und
Wurzel sind belastet mit der finsteren, festen Erde; und wenn die Blüte keine
Wurzel hätte, so hätte sie wohl Flügel. -
    Heute ist so warm, heute sei ergeben in die Gedanken, die Dir dies Papier
bringt. Zeit und Raum lass weichen zwischen unsern Herzen, und wenn's so ist,
dann hab ich keine Bitte mehr, denn da muss das Herz verstummen.
                                                                         Bettine
                 Von Goethes Hand auf diesen Brief geschrieben:
                          »Empfangen den 4. Juli 1822«
 
                                   An Goethe
Schon oft hab ich mich im Geist vorbereitet, Dir zu schreiben, aber Gedanken und
Empfindungen, wie die Sprache sie nicht ausdrücken kann, erfüllen die Seele, und
sie vermag nicht, ihr Schweigen zu brechen.
    So ist denn die Wahrheit eine Muse, die das Kunstgebilde ihrer Melodien zwar
in dem, den sie durchschreitet, harmonisch begründet, nicht aber sie erklingen
lässt. - Wenn alles irdische Bedürfnis schweigt, alles irdische Wissen verstummt,
dann erst hebt sie ihrer Gesänge Schwingen. - Liebe! Trieb aller Begeisterung,
erneut das Herz, macht die Seele kindlich und unbefleckt. Wie oft ist mein Herz
unter der Schlummerdecke des Erdenlebens erwacht, begabt mit dieser mystischen
Kraft, sich zu offenbaren; der Welt war ich erstorben, die Seele ein Mitlauter
der Liebe, und daher
