 Schreiben verlernt, die Gedanken arbeiten
sich auf ungeebnetem Weg durch, und doch denk ich mich noch wie den schäumenden
Becher in Deiner Hand, aus dem Du gern nippen magst.
    Wenn das beigefügte Blatt noch seine Farbe hat, so kannst Du sehen, welche
Farbe meine Liebe zu Dir hat, denn immer kommt's mir vor, als ob's grad so innig
rot und so ruhig, und der goldne Samenstaub auch, so ist Dein Bett in meinem
Herzen bereitet, verschmähe es nicht. Meine Adresse ist Georgen-Straße Nr. 17.
 
                                   An Goethe
                                                    Weimar, den 29. Oktober 1821
Mit Dir hab ich zu sprechen! - Nicht mit dem, der mich von sich gestoßen, der
Tränen nicht geachtet und karg keinen Fluch wie keinen Segen zu spenden hat, vor
dem weichen die Gedanken zurück. Mit Dir Genius! Hüter und Entzünder! Der mit
gewaltigen Schwingen oft die Flamme aus der versunknen Asche wieder emporwehte,
mit Dir, der es mit heimlichem Entzücken genoss, wenn der jugendliche Quell
brausend, empörend über Gefels sich den Weg suchte zur ruhigen Bucht zu Deinen
Füßen, da es mir genügte, Deine Knie zu umfassen.
    Aug in Aug! Einzig Leben! Keine Begeisterung, die über Dich geht! - Die
Seligkeit, gesehen zu sein und Dich zu sehen! -
    Ob ich Dich liebte? - Das fragst Du? - Macht Ihr es aus über unsern
Häuptern, Ihr Schwingenbegabte. - Glaub an mich! - Glaub an einen heißen Trieb,
- Lebenstrieb will ich ihn nennen, - so sing ich Deinem träumenden Busen vor. -
Du träumst, Du schläfst! Und ich träume mit.
    Ja, die damalige Zeit ist jetzt ein Traum, der Blitz der Begeisterung hatte
schnell Dein irdisch Gewand verzehrt, und ich sah Dich, wie Du bist, ein Sohn
der Schönheit, jetzt ist's ein Traum.
    Ich hatte mich selbst, ein ernstes stilles schauerliches Geheimnis Dir
opfernd zu Füßen zu legen, still und tief verborgen wie der unreife Same in
seiner Hülle. An Dir, an Deiner vergebenden Liebe sollte er reifen; jeden
unwillkürlichen Fehl, jede Sünde wollt ich eingestehn, ich wollte sie wegsaugen
aus Deinen Augen mit meinem tränenbeladenen Blick, mit meinem Lächeln; aus
Deinem Bewusstsein mit der Glut meines Herzens, die Du nicht zum zweitenmal
findest, - aber dies alles ist nun ein Traum.
    Zehn Jahre der Einsamkeit haben sich über meinem Herzen aufgebaut, haben
mich getrennt von dem Quell, aus dem ich Leben schöpfte, keiner Worte hab ich
mich seitdem wieder bedient, alles war versunken, was ich gefühlt und geahnt
hatte. Mein letzter Gedanke war: »Es wird wieder eine Zeit kommen, in der ich
sein werde
