 wenn er
mit Lust etwas malt; so gedenke ich jetzt der Abenddämmerung im heißen Monat
August, wie Du am Fenster sassest und ich vor Dir stand, und wie wir die Rede
wechselten, ich hatte meinen Blick wie ein Pfeil scharf Dir ins Auge gedrückt,
und so blieb ich drin haften und bohrte mich immer tiefer und tiefer ein, und
wir waren beide stille, und Du zogst meine aufgelösten Haare durch die Finger.
Ach Goethe, da fragtest Du, ob ich künftig Deiner gedenken werde beim Licht der
Sterne, und ich hab es Dir versprochen; jetzt haben wir Mitte Oktober, und schon
oft hab ich nach den Sternen gesehen und habe Deiner gedacht, es überläuft mich
kalter Schauer, und Du, der meinen Blick dahin gebannt hat, denke doch, wie oft
ich noch hinaufblicken werde, so schreib es denn auch täglich neu in die Sterne,
dass Du mich liebst, damit ich nicht verzweifeln muss, sondern dass mir Trost von
den Sternen niederleuchtet, jetzt, wo wir nicht beieinander sind. Vorm Jahr um
diese Zeit, da ging ich an einem Tag weit spazieren und blieb auf einem Berg
sitzen, da oben spielte ich mit dem glitzernden Sand, den die Sonne beschien und
knipste den Samen aus den verdorrten Stäudchen, bei mit Nebel kämpfender
Abendröte ging ich und übersah alle Lande, ich war frei im Herzen; denn meine
Liebe zu Dir macht mich frei. - So was beengt mich zuweilen, wie damals die
erfrischende Luft mich kräftig, ja beinah gescheut machte, dass ich nicht immer
geh, immer wandre unter freiem Himmel und mit der Natur spreche. Ein Sturmwind
nimmt in größter Schnelle ganze Täler ein, alles berührt er, alles bewegt er,
und der es empfindet, wird von Begeisterung ergriffen. Die gewaltige Natur lässt
keinen Raum und bedarf keinen Raum, was sie mit ihrem Zauberkreis umschlingt,
das ist hereingebannt. O Goethe, Du bist auch hineingebannt, in keinem Wort, in
keinem Hauch Deiner Gedichte lässt sie Dich los. - Und wieder muss ich vor dieser
Menschwerdung niederknien und muss Dich lieben und begehren wie alle Natur. -
    Da wollt ich Dir noch viel sagen, ward abgerufen, und heute am 29. Oktober
komme ich wieder zum Schreiben. - Es ist halt überall ruhig oder vielmehr öde.
Dass die Wahrheit sei, dazu gehört nicht einer; aber dass die Wahrheit sich an
ihnen bewähre, dazu gehören alle Menschen. Mann! Dessen Fleisch und Bein so von
der Schönheit Deiner Seele durchdrungen ist, wie darf ich Leib und Seele so
beisammen lieb haben! - Oft denk ich bei mir, ich möchte besser und herrlicher
sein, damit ich doch die Ansprüche an Dich rechtfertigen könnte, aber kann
ich'
