 - Denn ich war ja
selbst an jenem Regentag mit Dir im Schauspiel gewesen, und dieser Mantel
schützte mich vor den Augen der Menge, wie ich in Deiner Loge war, und Du
nanntest mich Mäuschen, weil ich so heimlich verborgen aus seinen weiten Falten
hervorlauschte;
    ich saß im Dunkel, Du aber im Licht der Kerzen, Du musstest meine Liebe
ahnen, ich konnte Deine süße Freundlichkeit, die in allen Zügen, in jeder
Bewegung verschmolzen war, deutlich erkennen; ja, ich bin reich, der goldne
Pactolus fließt durch meine Adern und setzt seine Schätze in meinem Herzen ab.
Nun sieh! - Solch süßer Genuss von Ewigkeit zu Ewigkeit, warum ist der den
Liebenden in Deinem Roman nicht erlaubt? - Oder warum genügt er ihnen nicht? -
Ja, es kann sein, dass ein ander Geschick noch zwischen uns tritt, ja, es muss
sein; da doch alle Menschen handeln wollen, so werden sie einen solchen
Spielraum nicht unbenutzt lassen; lass sie gewähren, lass sie säen und ernten, das
ist es nicht; - die Schauer der Liebe, die tief empfundnen, werden einst wieder
auftauchen; die Seele liebt ja; was ist es denn, was im keimenden Samen
befruchtet wird? Die tief verschlossne noch ungeborne Blüte, diese, ihre Zukunft,
wird erzeugt durch solche Schauer; die Seele aber ist die verschlossne Blüte des
Leibes, und wenn sie aus ihm hervorbricht, dann werden jene Liebesschauer in
erhöhtem Gefühl mit hervorbrechen, ja, diese Liebe wird nichts anderes sein als
der Atem jenes zukünftigen himmlischen Lebens, drum klopft uns auch das Herz,
und der Atem regiert das unbegreifliche Wonnegefühl; bald schöpft er mit tiefem
Seufzer aus dem Abgrund der Seligkeit, bald kann er mit Windesschnelle kaum
alles erfassen, was ihn gewaltig durchströmt. Ja, so ist es, lieber Goethe, ich
empfinde jede Minute, in der ich Deiner gedenke, dass sie die Grenze des
irdischen Lebens überschreitet, und die tiefen Seufzer wechseln unversehen mit
den raschen Pulsen der Begeisterung; ja, so ist es, diese Schauer der Liebe sind
der Atem eines höheren Lebens, dem wir einst angehören werden, und das uns in
diesen irdischen Beseligungen nur sanft anbläst.
    Nun will ich wieder zu meinem jungen Künstler zurückkehren, der einer der
liebenswürdigsten Familien angehört, deren alle sehr hoch begabten Mitglieder so
jung schon jetzt weit über ihre Zeit hinausragen. Ludwig Grimm, der Zeichner,
machte schon vor zwei Jahren, da er noch gar wenig Übung hatte, aber viel
stillen vergrabenen Sinn, ein Bildchen von mir; für mich hat es Bedeutung, es
hat Wahrheit, aber kein Geschick fürs Äußere, wenig Menschen finden es daher
ähnlich; auch hat mich noch niemand über der Bibel
