 So ist es mit den Christen, so ist es mit den Tönen: ein jeder
Christ fühlt den Erlöser in sich, ein jeder Ton kann sich selbst zum Vermittler,
zur Sept erhöhen und da das ewige Werk der Erlösung aus dem Sinnlichen ins
Himmlische vollbringen, und nur durch Christum gehen wir in das Reich des
Geistes ein, und nur durch die Sept wird das erstarrte Reich der Töne erlöst und
wird Musik, ewig bewegter Geist, was eigentlich der Himmel ist; sowie sie sich
berühren, erzeugen sich neue Geister, neue Begriffe; ihr Tanz, ihre Stellungen
werden göttliche Offenbarungen; Musik ist das Medium des Geistes, wodurch das
Sinnliche geistig wird - und wie die Erlösung über alle sich verbreitet, die von
dem lebendigen Geist der Gottheit ergriffen, nach ewigem Leben sich sehnen: so
leitet die Sept durch ihre Auflösung alle Töne, die zu ihr um Erlösung bitten,
auf tausend verschiedenen Wegen zu ihrem Ursprung, zum göttlichen Geist. Und wir
arme Menschen sollten uns genügen lassen, dass wir fühlen: unser ganzes Dasein
ist ein Zubereiten, Seligkeit zu fassen, und sollten nicht warten auf einen
wohlgepolsterten aufgeputzten Himmel, wie Deine Mutter, die da glaubt, dass dort
alles, was uns auf Erden Freude gemacht hat, in erhöhtem Glanz sich wieder
finde; ja sogar behauptet, ihr verblichnes Hochzeitskleid von blassgrüner Seide
mit Gold- und Silberblättern durchwirkt und scharlachrotem Samtüberwurf werde
dort ihr himmlisches Gewand sein, und der juwelene Strauss, den ein grausamer
Dieb ihr entwendet, sauge schon jetzt einstweilen das Licht der Sterne ein, um
auf ihrem Haupt als Diadem unter den himmlischen Kronen zu glänzen. Sie sagt:
»Für was wär dies Gesicht das meinige, und warum spräche der Geist aus meinen
Augen diesen oder jenen an, wenn er nicht vom Himmel wär und die Anwartschaft
auf ihn hätte? Alles was tot ist, macht keinen Eindruck; was aber Eindruck
macht, das ist ewig lebendig.« Wenn ich ihr etwas erzähle, erfinde, so meint
sie, das sind alles Dinge, die im Himmel aufgestellt werden. Oft erzähle ich ihr
von Kunstwerken meiner Einbildung. Sie sagt: »Das sind Tapeten der Phantasie,
mit denen die Wände der himmlischen Wohnungen verziert sind.« Letzt war sie im
Konzert und freute sich sehr über ein Violoncell; da nahm ich die Gelegenheit
wahr und sagte: »Geb Sie acht, Frau Rat, dass Ihr die Engel nicht so lang mit dem
Fidelbogen um den Kopf schlagen, bis Sie einsieht, der Himmel ist Musik.« Sie
war ganz frappiert, und nach langer Pause sagte sie: »Mädchen, du kannst recht
haben.«
                                                                          Am 25.
Was mache ich denn, Goethe, meine halben Nächte verschreib ich
