, dass man nicht unterscheiden konnte, welcher der Abglanz des andern
sei. Es war als wollten sie mit jenem westlichen, immer glühender sich wölbenden
Tore wetteifern, unter welchem die Sonne immer tiefer sich senkte.
    »O welch ein Abend!« sprach tiefaufatmend Angelika, indem sie, auf
Vicktorinens Arm gelehnt, unter die hohen Säulen vor dem Hause hinaustrat. »Lass
mich hier Luft schöpfen, ich habe den Tag über ihrer so wenig gehabt, die Brust
war mir so enge. Lass mich jetzt in langen Zügen die balsamisch erquickende Kühle
trinken.«
    Sorgsam führte Vicktorine die aeterisch verklärte Gestalt einem bequemen
Sitze unter den Säulen zu und nahm schweigend ihr zur Seite Platz. In Andacht
und stiller Bewunderung versunken, blickten beide eine Weile hinaus in die
wundervolle Pracht, welche sie umgab.
    »Siehst Du im Osten den Bogen des Friedens? der ewigen Hoffnung?« sprach
endlich Angelika, »und täuscht mein Auge mich vielleicht - es tut es jetzt
zuweilen - oder sind es wirklich ihrer drei?«
    »Es sind ihrer drei,« erwiderte Vicktorine, die jetzt mit immer steigender
Besorgnis den ungewöhnlich strahlenden Glanz der Augen ihrer Freundin gewahr
wurde, welche den ganzen Tag über von der schwülen Luft sehr bedrückt gewesen
war.
    »Es sind wirklich ihrer drei,« wiederholte Anlika. »Wunderbar! nie zuvor
habe ich diese seltene Pracht gesehen. Und dort die Sonne! Liebe Vicktorine,
welch ein Bild meines kurzen Lebens war dieser Tag. Immer musste ich daran
denken. Zuerst der trübe beklemmende Morgen. Dann die kurzen Sonnenblicke, der
Regen, das Ungewitter, und nun die köstliche himmlische Ruhe dieses
glanzerfüllten Abends! Sieh', Liebe, ist es nicht als wolle dort im Westen der
Himmel sich öffnen, und uns einen Blick in das Reich seiner Herrlichkeit
gewähren? und die untergehende Sonne, will sie uns nicht nach Osten hinweisen,
wo sie noch immer wieder aufgehen wird, wenn sie mir schon lange nicht mehr
leuchtet? Nach dem Osten, den sie jetzt, indem sie von uns Abschied nimmt, so
überherrlich mit dem tröstlichen Bilde schmückt, das Gott einst der vor seinem
Zorne zagenden Erde gab, und dem Menschen dabei zu hoffen gebot. Und nun kommt
bald die milde ernste Nacht mit ihren Sternen am Himmel heraufgezogen. Dann
schlummern wir in Frieden - und träumen auch wohl.«
    »Sprich nicht so viel, meine Angelika,« bat Vicktorine, »komm, Liebe, komm
ins Haus, Du bist matt und erschöpft.«
    »O nein! o nein!« rief Angelika mit ungewohnter Lebhaftigkeit. »Mir ist
wohl, unbeschreiblich wohl, mir ist wie noch nie in meinem Leben. Sei nicht
besorgt um mich,« setzte sie
