, wie zur
Zeit ihrer herrlichsten Blüte, jede kleinere Freude, welche die Natur beut, und
verlor sich in bewunderndem Entzücken vor der höheren Pracht, die mit
unendlichem Reichtum in den wilden Umgebungen ihres Wohnortes sich täglich neu
entfaltete.
    Hippolit ertrug den Schmerz, den keine Sprache nennen kann, mit
unbeschreiblicher Gewalt über sich selbst. Er ging ganz in den Geist der
Hochgeliebten ein, lebte nur in ihr, lächelte wenn sie lächelte, und schien nur
von dem Licht ihrer Augen Worte und Bewegung zu empfangen. Nie wich er von ihrer
Seite, so lange es ihm vergönnt war, bei ihr zu weilen. Ihr nahe, vermochte er
es, sein Herz zusammen zu drücken, und seinen unaussprechlichen Schmerz wie
seine glühende Liebe zu beherrschen; denn Gabrielens heilige Gegenwart erhob ihn
über Tod, Trennung und Grab. Keine Klage kam über seine Lippen, keine Träne in
seine Augen, bis die Nacht ihn und seinen ausbrechenden Jammer verhüllte.
    Gabriele bewachte minder ängstlich als sonst ihr Benehmen gegen ihn und
suchte nicht mehr ganz so wie ehemals ihm den Grund ihres Gemüts zu
verschleiern. Manche Ahnung des ganzen Umfangs der unnennbaren Seligkeit, die
ihm hier vor seinen Augen unterging, durchschauerte den Armen mit allen Freuden
des Himmels und versenkte ihn in selige Träume, aus denen er leider mit dem
Gefühl des Unglücklichen wieder auffuhr, der im Schlafe den Himmel offen sah,
und aufgerüttelt zu jahrelanger Pein, im Kerker wieder erwacht.
    Nicht minder unaussprechlich als Hippolits Schmerz war auch das tiefe,
unsägliche Mitleid, welches Gabriele für ihn empfand, denn sie fühlte für ihn
den unendlichen Jammer seines treuen liebenden Herzens. Sie selbst war beglückt
in der seligsten Hoffnung, und die nahe Trennung, deren Gewissheit ihr an jedem
Morgen deutlicher entgegentrat, erschien ihr nur als ein Schritt aus dem Dunkel
zum Lichte, zur sicheren, ewigen Vereinigung, deren nahe Seligkeit sie schon
hier vorempfand. Abends, wenn wieder einer ihrer Tage zur Ewigkeit hinabsank,
wiederholte sie jetzt in der unbelauschten Einsamkeit ihres Zimmers oft die
einfachen Worte eines Liedes, welches sie unter den Papieren ihrer verehrten
Mutter gefunden hatte. Hier ist es:
                             Gabrielens Abendlied.
Zur letzten Tages-Stunde
Flammt goldner noch das Licht,
Spricht mit dem Purpur-Munde;
»Ich gehe schlafen nicht;
Unsichtbar, zu dem Osten
Zieh' ich den Sternen-Pfad;
Auch Du sollst Äther kosten,
Den frisch der Morgen hat.«
Wenn all' die Welten schlafen,
So ist's die Lieb', die wacht,
Und landet sie im Hafen,
Sagt sie: »Welt, gute Nacht!«
Ich musste still verschließen
Was Schmerzreich mich entzückt,
Was tötlich mich beglückt
In tiefster Brust verschließen.
Ich musst' im Dunkel gehen
Als hell
