 zuneigen,
glaubte ich sogar die grünen Alpenmatten zu entdecken, so nahe schienen mir mit
einemmale die Wunder jenes Landes entgegengerückt, dem Ihr Wollen mich zusendet.
In Andacht und Bewunderung verloren, ward mir, als wandle ich in einem heiligen
Tempel. Gabriele, ich war recht fromm in dieser Stunde, ich dachte Sie und mich
und meine stille trübe Zukunft. Die Brust ward mir weit in hoher Zuversicht auf
Den, dessen mächtige Hand diese Berge pflanzte und hält. Ich fühlte Mut und
Kraft in mir sich neu beleben, und war in dem Momente gerüstet, jeder Bestimmung
meines Lebens hoffend und vertrauensvoll entgegen zu treten, sei sie auch
düstere Verborgenheit und ewiges Schweigen.
    O Gabriele, warum konnte diese Stimmung meines Gemüts nicht dauernd
bleiben? warum musste sie verschwinden wie der Tau der Wiese vor der höher
steigenden Sonne? Ach! nichts ist dauernd und treu als der Schmerz und die
Sehnsucht, das fühle ich mehr und mehr mit jedem Tage!
    Ich war allmählig in ein offenstehendes duftendes Blütengärtchen seitwärts,
dicht neben der Stadt, hineingeraten, ich wusste selbst nicht wie. Von hier aus
übersah ich ganz das tiefe tiefe Tal, das zwischen mir und jenen glänzenden
Titanen-Gestalten noch eine weite Kluft bildete. Und welch ein Tal ist dies!
Gleich einem herrlich glänzenden Kleinode schimmerte zwischen Wald, Obstainen
und Weinbergen der prächtige Bodensee zu mir herauf, überall blitzten im
Sonnenschein Städtchen, Klöster, Dörfer, einzelne Wohnungen durch das üppigste
Grün. Nie und nirgend sah ich so das Anmutigste neben dem Erhabnen im
zauberhaften Verein, als hier in dem fast unbekannten Städtchen Heiligenberg.
    Rechts dicht neben demselben tront ein ansehnliches weit in die Ferne hin
leuchtendes Schloss, auf hohem, fast senkrecht aus der Tiefe aufsteigendem
Felsen; es steht unbewohnt da, der Eigentümer desselben sucht die Freude in
London oder Rom oder Paris, genug in der weiten Welt, wo sie so selten sich
treffen lässt. O Gabriele, hier mit einem einzigen geliebten Wesen zu wohnen,
einsam wie die Götter, im Angesicht aller dieser Pracht! Mir schwindelt und die
Sinne vergehen mir, wenn ich mir recht ausmale, wie das sein müsste. Und wenn ich
mir denke, dass ein solches Leben möglich ist, dass es vielleicht schon einmal
hier, an dieser nämlichen Stelle heimisch war! Nein diese Last von Seligkeit
wäre doch zu viel für ein sterbliches Dasein, nur in Verzweiflung würde es
enden, denn was kann der Himmel unserem beschränkten Geiste Höheres verheißen
nach einem solchen Leben auf Erden? Was könnte über solches Scheiden trösten?
    Unten am Ufer des Sees gestaltete sich alles zur höchsten idyllischen
Anmut, was oben so herrlich, so prachtvoll mir erschienen war. In einem
kleinen, von einem einzigen Fischerknaben geführten Nachen schiffte
