 vergaß sie nicht, und spottend schilderte sie sich in ihrer damaligen
ländlichen Naivität und Einfalt. Sie wusste dabei doch sehr geschickt sich durch
manche liebenswürdige Schwäche, durch manches reizende Detail interessant zu
zeigen, während sie sich das Ansehen gab, sich über sich selbst lustig machen zu
wollen. Versicherungen ihrer unwandelbaren, ewigen Liebe, fast in den nämlichen
zärtlichen Worten, in den nämlichen Wendungen, deren sie unzähligemal auch
gegen Adelberten sich bedient hatte; Eifersüchtleien, Klagen, tausend Neckereien
füllten viele Seiten der übrigen Briefe an Hippoliten an. Andre waren von den
Originalen jener Porträte, mit denen sie ehemals in zärtlichem Verhältnis
gestanden, die sie mit den Bildnissen zugleich Hippoliten überliefert hatte.
Alle waren so viel Beweise eines sehr frivolen, ja man möchte sagen, eines
zügellosen Lebens.
    Adelbert mochte bald nicht weiter lesen. Das Unwahre in Herminiens Wesen
eckelte ihn unbeschreiblich an; die Torheit des ungeheueren Opfers, welches er
dieser Unwürdigen gebracht hatte, fiel mit Zentnerlast ihm aufs Herz. Er fühlte
sich plötzlich von ihr losgerissen, frei auf ewig. Aber das Gefühl dieser
Freiheit glich dem des Gefangenen, der, dem Kerker entlassen, vor der Türe
desselben steht, ohne Heimat, ohne Freund, ohne in der ganzen weiten Welt eine
menschliche Seele zu wissen, zu der er sagen dürfe, nimm mich auf, denn ich
gehöre dir an. Leidenschaftlich in allem, auch in der Reue, glaubte er im
Übermaass derselben, dass sein Hauch nie wieder mit der reinen Luft sich einen
dürfe, in der Auguste, in der seine Kinder atmeten. Er beschloss in seiner
Verzweiflung, auf immer aus ihrer Nähe sich zu verbannen, nie wieder sollte der
Klang seiner Stimme Augustens Ohr verwunden, nie ihr Auge mit Abscheu von seinem
Anblicke sich wenden müssen. Doch so ganz ohne Spur zu verschwinden, ohne alles
Lebewohl, ohne allen Segen in die Wüsten des Lebens hinaus zu gehen, diese
Aufgabe ward seinem liebegewohntem Herzen doch zu schwer, und dies Gefühl hatte
ihn mit allen seinen Klagen zu Gabrielens Füßen geführt.
    Noch immer bekämpfte diese seinen wilden Schmerz, und wandte, wenn gleich
fast hoffnungslos, alles an, ihn von dem Vorsatz zur Flucht abzubringen, als der
General Lichtenfels zu ihnen hereintrat. Ernst, wenn gleich nicht zürnend, ruhte
sein Blick eine stumme Minute lang auf Adelberten, der vor dem Gefürchteten sich
gern in den Mittelpunkt der Erde verborgen hätte; dann aber trat ein feuchter
Schimmer in das milder werdende Auge des edlen Greises. »Komm!« sprach er, und
schloss den beinahe Widerstrebenden fest an seine Brust. »Komm, hier trug ich den
Knaben, hier ruhtest Du wundenmatt, nach ehrenvollem Kampf, dem Tode nah. Hier
weintest Du im schönen Schmerz um die
