 gelobt. Lieber
Gott, denke ich, er ist zwar ein Engel an Güte, aber doch ein junger, reicher,
vornehmer Herr. Da kann es wohl geschehen, dass solch ein junges Blut mitten im
Vergnügen einmal das Beten vergisst, und mein einfältiges Gebet kommt doch aus
treuem Herzen, das muss ihm frommen, wo er auch sein mag.«
    »Wo er auch sein mag! wo er auch sein mag! O gute Mutter, vergiss ja nie dein
Gelübde und gedenke auch meiner, wenn du für ihn den Himmel anrufst!« Mit
diesen, in hoher Bewegung ausgesprochnen Worten drückte Gabriele der Alten ihr
Taschenbuch mit Bankzetteln in die Hand und eilte mit verhülltem Gesicht ihrer
Wohnung zu.
    Jetzt war es ihr unmöglich geworden, noch heute den Abendzirkel zu besuchen,
und Frau von Willnangen, der sie mit wenigen Worten das Vorgefallne mitteilte,
war auch sehr bereit, sie zu entschuldigen. Allein in ihrem Zimmer gab sie sich
ganz den Erinnerungen hin, welche der Anblick jener Frau aufs neue belebt hatte.
Jede in Ottokar's Nähe verlebte Stunde ging in ihrem Geiste vorüber, vor allen
die erste, in der sie ihn sah, ohne ihn nennen zu können, und dann die letzte
entscheidende.
    Die Sonne war untergegangen, tiefe Dämmerung, gemildert durch das Licht des
eben aufsteigenden Mondes, erfüllte das Zimmer; noch immer saß Gabriele sinnend
und im Äußern regungslos da, obgleich sie innerlich bei jedem auch noch so
leisem Geräusch zusammenzuckte, denn ihr war als dürfe sie jetzt auch ihn
erwarten, ja als müsse Ottokar in der nächsten Sekunde hereintreten, so sehr
hatte die Erscheinung der Alten ihr die Vergangenheit zur Gegenwart gemacht.
Annette, die schon lange aus dem Nebenzimmer jede Bewegung ihrer jungen Herrin
beobachtet hatte, wagte es endlich, sich ihr zu nahen; mit bittender Gebärde
legte sie ihr die Harfe in den Arm und kniete dann neben ihr hin.
    »Gutes Kind! dein Herz sagt dir, was mir frommt,« sprach Gabriele, indem sie
liebkosend ihre Locken berührte. Dann stimmte sie die Harfe und sang ein Lied,
welches Allwill ihr einst auf ihre Veranlassung gedichtet hatte.
Sie sieht mich nicht!
Ich sehe ewig Sie,
Und wenn auch meine Augen einst erblinden,
Mein Geist wird dieses teure Bild doch finden,
Auch wenn ich dahin flieh,
Wo ausglimmt alles Licht.
Sie hört mich nicht!
Ich höre ewig Sie!
Von süßen Lippen flossen Geister-Worte,
Die mich ergriffen, leise Mollakkorde;
Der Ton erstirbt mir nie,
Wenn auch kein Laut mehr spricht.
Beklagt mich nicht,
Dass ferne, ferne Sie;
Bin ich nicht glücklich, ewig Sie zu lieben?
Mein war Sie, mein für immer ist geblieben,
Was
