 eine Felswand zu verschwinden, als sich Wilhelm zusammennahm und
nachrief: »Wie soll ich euch aber erfragen?«
    »Fragt nur nach Sankt Joseph!« erscholl es aus der Tiefe, und die ganze
Erscheinung war hinter den blauen Schattenwänden verschwunden. Ein frommer,
mehrstimmiger Gesang tönte verhallend aus der Ferne, und Wilhelm glaubte die
Stimme seines Felix zu unterscheiden.
    Er stieg aufwärts und verspätete sich dadurch den Sonnenuntergang. Das
himmlische Gestirn, das er mehr denn einmal verloren hatte, erleuchtete ihn
wieder, als er höher trat, und noch war es Tag, als er an seiner Herberge
anlangte. Nochmals erfreute er sich der großen Gebirgsansicht und zog sich
sodann auf sein Zimmer zurück, wo er sogleich die Feder ergriff und einen Teil
der Nacht mit Schreiben zubrachte.
                              Wilhelm an Nathalien
Nun ist endlich die Höhe erreicht, die Höhe des Gebirgs, das eine mächtigere
Trennung zwischen uns setzen wird als der ganze Landraum bisher. Für mein Gefühl
ist man noch immer in der Nähe seiner Lieben, solange die Ströme von uns zu
ihnen laufen. Heute kann ich mir noch einbilden, der Zweig, den ich in den
Waldbach werfe, könnte füglich zu ihr hinabschwimmen, könnte in wenigen Tagen
vor ihrem Garten landen; und so sendet unser Geist seine Bilder, das Herz seine
Gefühle bequemer abwärts. Aber drüben, fürchte ich, stellt sich eine Scheidewand
der Einbildungskraft und der Empfindung entgegen. Doch ist das vielleicht nur
eine voreilige Besorglichkeit: denn es wird wohl auch drüben nicht anders sein
als hier. Was könnte mich von dir scheiden! von dir, der ich auf ewig geeignet
bin, wenngleich ein wundersames Geschick mich von dir trennt und mir den Himmel,
dem ich so nahe stand, unerwartet zuschliesst. Ich hatte Zeit, mich zu fassen,
und doch hätte keine Zeit hingereicht, mir diese Fassung zu geben, hätte ich sie
nicht aus deinem Munde gewonnen, von deinen Lippen in jenem entscheidenden
Moment. Wie hätte ich mich losreißen können, wenn der dauerhafte Faden nicht
gesponnen wäre, der uns für die Zeit und für die Ewigkeit verbinden soll. Doch
ich darf ja von allem dem nicht reden. Deine zarten Gebote will ich nicht
übertreten; auf diesem Gipfel sei es das letztemal, dass ich das Wort Trennung
vor dir ausspreche. Mein Leben soll eine Wanderschaft werden. Sonderbare
Pflichten des Wanderers habe ich auszuüben und ganz eigene Prüfungen zu
bestehen. Wie lächle ich manchmal, wenn ich die Bedingungen durchlese, die mir
der Verein, die ich mir selbst vorschrieb! Manches wird gehalten, manches
übertreten; aber selbst bei der Übertretung dient mir dies Blatt, dieses Zeugnis
von meiner letzten Beichte, meiner letzten Absolution statt eines gebietenden
Gewissens, und ich lenke wieder ein. Ich hüte
