, abhalten wollte, nicht nach dir zu blicken.
    Hab ich es darum getan?
    O Himmel, sprach sie, ich weiß am besten die Beichte, die er von mir
verlangte; aber siehe, dein Leben ist sonst nicht zu retten, ich muss schweigen.
    Vor einer Stunde, so sprach ich, wäre ich deinem Willen gefolgt, jetzt habe
ich keinen Willen mehr; hier will ich sterben, hier, wo mein Bruder Wolf
blutete; dieselbe Sichel soll uns beide abmähen.
    O sprich, rief sie bestürzt, ich ahne und zweifle; wohl hab ich es länger
vermutet, es seien euer zwei, die ich gesehen und liebte; du schienest mir
größer und bleicher.
    Die Sonne ging unter, der Mond ging auf; mein Bruder fiel an dem Abend unter
dem Beile, wo ich als ein müder Wanderer hier eintraf; unsere Liebe ist gleich
zu dir; er baute sich kühne künstliche Flügel, zu dir zu gelangen, aber die
Eifersucht hemmte seinen Flug - auch meine Flügel sinken dem Grabe zu, und ich
bin müde des Weges; dich habe ich gesehen, ich fühle deinen Mund an meinem,
deine Tränen rinnen auf meinen Backen, und meine Tränen küssest du auf; mit dir
hätte ein herrliches Geschlecht hervorgehen sollen, mein Geschlecht sinkt. -
Diese Küsse, die ich dir reiche, schenkte mir die vielgeliebte Mutter; begegnet
dir auf Erden meine Schwester Gloria, teile sie mit ihr.
    Gloria, rief sie, wer ruft mich, das ist mein Name, aber mein Herz ruft
Jammer; sage, wie wandelt sich alles um, das Feuer wird fest und die Erde
flüchtig, und das Freudige will ich fliehen und die Leiden mir wünschen; ich
fühle dein Herz, und sein mächtiger Schlag sagt, dass du stammest von den
Wächtern der Kronenburg, Rappolt, geliebter Bruder!
    Stirn gegen Stirn lagen wir so im stummen Erstaunen an einander und
jammerten, und sie sang mir, wie sie als Kind getan, von den Wellen, die an den
Himmel schlagen, und von den Sündern, die an der Himmelstür singen; ich aber,
über allen Jammer hingetragen von dem sanften Flügel des Schlafes, besiegt von
seiner Macht, sank in seine empfindungsloseste Tiefe; schwarz ward es rings, und
kein Traumbild wagte sich in diese Tiefe. Aber allmählich, wie ein Leichnam,
der, tief im Wasser versunken, in der Sehnsucht zum Lichte wieder aufstrebt, so
fühlte ich ein Erbeben und endlich ein farbig Begrüssen in den schillernden
Wellen, in denen die aufgehende Sonne sich spiegelt. Bald lag ich in den Armen
der Schwester, und alle Scheu, die mich sonst von ihr geschieden, war vergessen;
ich wusste gar nicht mehr, dass sie
