 durchschnitten, vor dem Ratause voll bunter
Schnitzwerke, vor der alten Kirche, mit wunderbaren Bildern geziert, vorbei; ihm
ward ein so wohltuendes Gefühl durch alle Adern gegossen, als kehre er nach
abgebüssten Sünden von einem Kreuzzuge heim, als werde ihm morgen des Glückes
Sonne einmal wieder scheinen. Im Gasthofe fand er einen trüben Brief von
Odoardo; Werters Leiden waren dem in die Hände gefallen, und fühlte er auch
nicht das zerstörende, sich selbst wiederkäuende Ungeheuer in der Welt, so
fühlte er doch, bedrängt von lästiger ärztlicher Praxis, die er für seinen Vater
übernommen hatte, eine ewig leere lieblose freudelose Bewegung, ein törichtes
ermüdendes Spiel aller Naturerscheinungen, eine ewige Wiederkehr der Jahre,
derselben Blüten, derselben Menschen, ihrer Verhältnisse, weswegen man in alle
Ewigkeit hin in demselben Sinne, aus derselben Apokalypse prophezeien könne. Wir
müssen so laufen, schrieb er, damit die Schuhe ausgetreten werden, und sind sie
ausgetreten, so sind sie zerrissen, und die neuen drücken wieder; die
Unendlichkeit steht, lacht dazu verzweiflungsvoll aus der Ferne und wir können
ihr Angesicht nicht erblicken. Und denke ich Deiner Freundschaft, sieh, da füllt
sich meine Seele mit Herrlichkeit wie der gehemmte Strom vor mir, in welchem
noch eben ein armer Junge nach Lumpen suchte, mit klarem Wasser, nachdem die
Schleusen erschlossen sind. Wie ist alles so voll und so leer, so freundlich und
traurig zugleich: alles Tag in Nacht. Im Lichte der Freundschaft glänzt die
Spitze unsres Hauptes in Klarheit, aber die Augen trauren schon in der dunkelen
Nacht. Tausend Menschen leben in Feindschaft eng beisammen; die wenigen, welche
ihr Inneres austauschen und Freude zeugen, sie treibt der starke Bogen des
Schicksals in alle vier Weltteile. Und wie wenige dieser verschossenen Pfeile
erreichen ein Ziel! Gibt es ein Ziel? Könnte ich diese Welt der Bewegung nur aus
mir los werden - alle Abend denke ich mit Freude und Sehnsucht an den Tod einer
Gräfin, von der erzählt worden, wie sie ruhig zu Bette gegangen, und in
Selbstverbrennung vernichtet, ohne Verletzung ihres Bettes und ihrer Umgebung,
in ein Aschenhäufchen verwandelt wiedergefunden sei. - Hollin antwortete gleich
seinem alten Schulfreunde zur Aufmunterung und Warnung: Dein Brief war
Selbstmord. Glaub mir nur dies, die meisten Menschen sind Selbstmörder, und Du
gehörst zu den vielen, die es verachten ihr Leben durch einen mächtigen
Giftbecher zu enden, aber das Gift gierig in tausend schönen Lebensblumen
aufsuchen und einsaugen. Und ist nicht das letzte unwillkürliche Ringen nach
Leben, der Todeskampf, das letzte Aufatmen, der Todesseufzer ein eigentlicher
Abscheu der Natur, das Verdammungsurteil des Selbstmörders. Uns leitet das
elende Zeitalter zum Selbstmorde; die meisten folgen und fallen darin, wenn sie
auch nicht Hand an
