 frech, unsre Zeit schlimmer
zu nennen als jede andre; aber das weiß ich, sie trägt der Vorzeit schwere
Sünde, und diese abzubüssen ist ihr hohes Verdienst.« - - DER PREDIGER: »Und eben
darum ist ihr die Liebe zum Troste gegeben, aber leider vertraut sie ihr nicht.«
- DIE GRÄFIN: »Wie kann sie ihr auch vertrauen, da gleich drei Leute, die hier
beisammen, so verschieden von ihr denken.« - Aus den Betrachtungen, die nun von
allen Seiten eintrafen, setzen wir hier eine Übersicht zusammen:
                         Von der Liebe in unserer Zeit
Wie arm ist unsere Zeit in der Liebe, denn sie ist ihrer selbst ungewiss.
    Der einzelne achtet sich reicher an Vertrauen, als seine Zeit und achtet
sich groß, sich ihr zu entziehen.
    Aber keiner vermag es, seiner Zeit zu entfliehen, wie noch keiner seine
Mutter verleugnen konnte, ehe er geboren.
    Was bleibt dem stolzen einsamen Flüchtling zwischen Himmel und Erde; bleibt
er sich selbst?
    Die Jugend eilt und bald folgen ihr die stolzen Erinnerungen. Mit den
Gesängen seines Übermutes erhält der Jüngling die Blumen eines empfundenen
Frühlings; aber das Lied verhallt und die Zeugen seines Glückes verwelken.
    Was ist fest in dir, dauernd, ruhig?
    Der Freude Schmerz, der Hoffnung Sehnen ermüden endlich doch in dem
abwechselnden Tanze deiner Träume, wenn die Musik noch lange nachklingt.
    Was bleibt dir, müde Seele? wo ist der Glanz der Augen, die Fülle der
Gedanken, die nahe Freude, die Hoffnung der Ferne?
    Dir bleibt Entsagung, Erinnerung, aber du selbst bleibst dir nicht.
    Darum sind alle Gebüsche, die mit uns groß wurden, ihr vertrauter Schatten
von girrenden Tauben durchflattert, dem verständigen Manne nicht deswegen allein
heilig, weil sie Erinnerung der unbemerkt verschwebenden Jugend sind; der holde
Traum will ihm wieder kehren und er möchte den Glanz des Frühlings in der
drückenden Glut des Sommers wieder erkennen. Er fühlt wohl: So ist der Frühling
und so ist er auch nicht. - Und erwacht ihm im schönen Herbste der Fruchtbaum,
dessen Frucht er schon genossen, zu neuer Blüte, und spinnt der blinkende Reif
ihn noch blütenreicher ein, dann fühlt er wohl in Augenblicken, der Tod sei die
reichste Blüte, denn er sei gewiss: sei Frühling, Sommer, Herbst; aus ihm komme
alles.
    Wenn dich der eingewurzelte Baum so trösten konnte, du einsamer Mensch,
warum sind die freien Menschen dir nur zur Qual, zum Vorwurf; fürchte dich
selber, sonst hast du nichts zu fürchten; denn es ist nicht gut, dass der Mensch
allein sei. Die Lilie erhebt ihr hohes weißes Haupt, aber des Menschen Haupt,
das unter ihr ruht, erhebt sich
