 er ihr einmal ganz abgesprochen hatte. Sie dichtete einen Morgengruß, den
sie ihm an einem schönen Morgen vorsang; er musste dabei eine Stimme übernehmen.
                                   Morgengruß
SIE:
Wonne, Wonne, still in Schauern
Dich umfangen, frische Luft,
Sinnend auf die Strahlen lauern
Spielend durch den Morgenduft.
ER:
Sonne, Sonne, dich belauern
Glühendrot im Morgenduft.
SIE:
Atmen, Atmen, nahend Leben,
Wellen in dem Ährenstrom,
Wie des Morgensterns Erheben
Sich verliert im blauen Dom.
ER:
Wie der Lerche laut Erheben
Sich verliert im blauen Dom.
SIE:
Flügel, Flügel der Gedanken
Heben mich zur Sonnenpracht;
Wie die Ströme silbern ranken,
Aus der Berge Mondennacht.
ER:
Enge sind des Mondes Schranken,
Weit, o weit die Sonne lacht.
SIE:
Blumen, Blumen, stille Wesen,
Fülle winkt im tiefen Grund,
Ihr zu Flammen auserlesen
Sinkt auf seinen roten Mund.
ER:
Nieder müde Blüten tauen,
Einen Strauss von ihrer Brust,
Durch die Gluten sie zu schauen,
Wirft der Liebe Sonnenlust.
SIE:
Atmen, Atmen, nahes Leben,
Bebend Herz im Blumenstaat,
Wie zwei Schmetterlinge schweben,
Mund auf Mund gelebet hat.
ER:
Wonne, Wonne, still in Schauern
Dich umfangen, hell Gesicht,
Sonne, Sonne, soll es dauern,
Wie mein Auge taucht in Licht.
Aber das Wort wurde in ihm nicht zu Fleisch; ganz mit der Dichtung und dem
Gesange beschäftigt, lernte er alles ganz eifrig, und kaum hatte er beide
Stimmen sich einstudiert, so beurlaubte er sich, um das Lied seiner Frau
vorzusingen, und die Fürstin stieß mit dem Fuße gegen den Boden. Dolores fand es
ungemein reizend, ihr Blick war verlangend und der Graf verstand ihn. Die
Fürstin sah ärgerlich nach dem Ätna, als der Graf so lange ausblieb. Ihre
Gedanken gönnten ihr alle die Zärtlichkeiten, die er ihr versagte, und sie fuhr
wie aus einem tiefen Schlafe schreckhaft auf, als der Schreiber ihr das Tagebuch
vorzulegen ins Zimmer trat. Sie fertigte ihn schnell ab, setzte sich an ihren
Tisch, und schrieb einen Nachtgruss so feurig, als hätte sie die schönste Nacht
verlebt, und doch in einer Melancholie getränkt, als wär es die letzte.
                                   Nachtgruss
ER:
O deinem Atemzuge
Horche ich feiernd leis,
Er hebet mich im Fluge
Über den Erdenkreis.
SIE:
Dein Atem sanft im Schlafe
Tönt in die Saiten ein,
Du sprichst aus mir im Schlafe
Worte, sie sind nicht mein.
O lieblich waches Schlafen
Einzige einige Ruh
In der Gedanken Hafen,
Singe, ich höre zu.
ER:
Der Alp, der mich gedrücket,
Fliehet vor deinem Klang,
Sein Ross mich fern anblicket,
Hörst du den Hufschlag bang;
