 Augen so hell, dass ich die Meinigen gar nicht
wieder abwenden konnte. Seitdem sah ich sie niemals wieder, aber das Bild ist
mir für mein ganzes Leben geblieben. Sie starb bald darauf, sagte Matilde,
durch eine eigne Vorstellung geängstet, die sie ins Grab zog. Ich habe mir
niemals einen rechten Begriff von einer so ungleichen Gemütsart, als die
ihrige, machen können, da mein Leben stets sehr einfach blieb und nur durch
fremde Stürme getrübt ward; noch weniger konnte ich die phantastische fast wilde
Fröhlichkeit mit dem Trübsinn vereinen, der ihr zu Zeiten wie ein fremder Geist
inwohnte und ihrem Wesen eine Einförmigkeit lieh, die jeden ermüdete. Und
dennoch so durch Sitte und Gemüt als Vaterland und Sprache von einander
geschieden, verband uns in der Ferne ein unglückseliges Verhältnis, das meinem
Herzen die erste Wunde schlug. Hier schwieg Matilde und ließ in Luisen das
lebendigste Verlangen, mehr von einer Begebenheit zu erfahren, die ganz dunkel
aus den frühesten Erinnerungen hervorsah. Das Andenken der schönen Viola, wie
sie ihre Mutter sonst wohl mit Rührung nannte, hatte immer einen eignen Zauber
über sie ausgeübt, und ohnerachtet sie nur in flüchtigen Hindeutungen von ihr
hörte, so setzte sich dennoch der kindische Sinn ein Bild zusammen, das noch
jetzt sehr reizend in ihrer Phantasie fortlebte. Ich weiß, sagte sie, in der
Hoffnung mehr zu erfahren, die Gräfin Falkenstein trug früher den Schleier, den
sie bald darauf willig zerriss, um dem Grafen nach Deutschland zu folgen, allein
der eigentliche Zusammenhang des Ganzen ist mir fremd geblieben. Liebes Kind,
hub die Mutter nach einer Weile an, man soll die Vergangenheit nie absichtlich
aufdecken. Was ihr Schoos verbirgt, das ruhe, bis im Laufe der Zeiten die junge
Tat unwillkürlich auf ihren frühern Ursprung zurückweist. Das Verborgene tritt
so ungerufen allmählig ans Licht, und verliert im Zusammenhang des Ganzen das
Fremde, was den gewagten Rückblick in die Tiefe oft schwindelnd zurückstosst.
Allein wie Julius Brief längst verklungene Saiten in mir anschlägt, so geht auch
der Ton in Deine Seele über und könnte Dich verwirren, wenn ich nicht dreist
fortgriffe, um den reinen Akkord wieder aufzusuchen. Aber lass uns hinunter an
den See gehen, die Sonne neigt sich so groß und herrlich in die Flut! Sieh wie
der Harz in seiner bläulichen Hülle feierlich dasteht, als wolle er ihr ein
langes Lebewohl sagen. Es ist wohl schön, dass sich so oft am Abend die
aufgeregte Natur sänftigt! alles wird stiller, die Luftzüge wehen wie lange,
heilige Seufzer, und ganz zuletzt reißen die Nebel und glänzen in tausend
wehmütigen Tränen auf der Erde! Sie setzten sich an das Ufer; den Blick nach
dem Harz gewandt, fuhr Matilde fort: das dunkle Gebirge
