 sie, wehen laue Lüfte, dort
müssen die innren Schmerzen heilen und alle Sorgen vor dem ewig reinen Himmel
fliehen. Aber auch hier schreckte sie Fernandos Bild wie eine Aegide zurück. Und
dennoch säuselten die lauen Lüfte so schmeichelnd und lockten sie hinüber in
wunderliche, verworrne Träume, in denen Wille und Verlangen seltsam kämpften.
    So in Widersprüchen verstrickt, fiel ihr Auge einst auf das elfenbeinerne
Kästchen, welches Violas Bild und jene versiegelten Papiere enthielt. Luise
öffnete es, als einzige Besitzerin von allem, was Julius zugehörte, und als
Teilhaberin eines Geheimnisses, das hier nur näher bestätigt sein konnte. Wie
sie die Haarflechte löste und die Blätter einzeln in ihre Hand fielen, zeigten
ihr sogleich die ersten Worte, dass es Briefe der Markise an Viola waren, in
welchen sie Fernandos nur zu oft gedachte. Mehrere durchlesend, fand sie einen,
der sie mehr als alle andre ergriff, und folgendermaßen lautete:
    »Wie dauerst Du mich, arme Viola! in Deinem strengen, farblosen Norden, wenn
ich den reichen Schmuck und die Fülle und die Glut unsrer blumigen Heimat
betrachte! Kenne ich doch den lieben, beweglichen Sinn, der Dich wohl abwärts
trieb, weil man ihn binden wollte, einst aber kosend, wie unsre erfrischende
Seelüfte, über den bunten Schmelz des Lebens hinzog. Armes Herz! und Du sollst
nun welken und vergehen unter den schweren Wolken eines fremden Himmels! Ich
schreibe Dir aus meiner Villa, von dem wohlbekannten, niedren Balkon, nach der
Wasserseite. Ach Viola! wie muss ich hier unsrer Jugend gedenken, und wie nun
alles, alles so anders kam, als wir damals träumten! Erinnerst Du Dich der
stillen Nächte, wenn wir von hier, über den Golf hinaus, nach den fernen Küsten
schauten, und Dein Gesang Dich, halb sehnsüchtig, halb in frohem Übermut, zu
den ungekannten Ländern trug, und Du vermessen aus der Ferne Dein Liebesglück
heraufbeschworst. Es nahete Dir, aber von einer andern Seite, als Dir es
ahndete. Noch sehe ich, unter den Pinien dort, den schlanken, blondlockigen,
Nordländer hervortreten, und sein Erscheinen sittig und schmeichelnd mit dem
Zauber Deiner Töne entschuldigen, die ihn unwillkürlich angelockt. Lieber,
unglücklicher Eduard! wo irrst Du jetzt umher, jene Nächte verwünschend, wie Du
sie einst segnetest! Viola, das Myrtenreis ist nicht wieder gewachsen, was
damals brach, als er sich zuerst zu dem Balkon aufschwang. Dein schöner Knabe
tritt jetzt auf den halbtrocknen Stamm und arbeitet sich zu mir herauf, um mich
zum Spielen zu zwingen. Er wendet sich unwillig ab, da er mich schreiben sieht,
was er in den Tod hasst, geht nach dem Ufer, sich zu baden, und ich Törin
