 Marcella.
                                                          Trachene, im Nov. 301.
Da bin ich nun, geliebte Freundin! auf unserm stillen Landgütchen. Die Natur
verliert nach und nach ihre Reize, die Bäume streuen ihr welkes Laub auf den
unbeblümten Boden nieder, kältere Winde regen die stillen Fluten des Bosphorus
auf, und in trüben Tagen, wo der Nebel die gegenüber liegenden Ufer verbirgt,
unterbricht nichts die düstere Stille, als der Schall der stärkeren Brandung,
die lautseufzend an das Gestade schlägt. Stundenlang sitze ich da oft am
Meeresufer, sehe dem Spiel der Wellen zu, betrachte ihr heftiges Treiben, ihr
unruhiges Emporstreben, und wie zuletzt jede wieder zurücksinkt in den dunkeln
Schoss des Meers, wo keine Spur von ihrem Dasein bleibt, das mit allen seinen
Anstrengungen auf ewig versunken ist. Kann man nicht das Menschengeschlecht mit
diesen Wogen vergleichen? Ach so unruhig, so bewegt, so rastlos streben sie nach
einem fernen Glücke, das Jeder anders nennt, und im Grunde Keiner kennt; sie
bemühen sich, sie matten sich ab, und versinken zuletzt alle im Schoss der Erde;
keine Spur bleibt zurück, sie sind dahin, wie ein Schatten - wie Gras auf dem
Felde, das am Morgen grünt, und am Abend verwelkt ist.
    Meines Mannes Laufbahn ist nun aus. Vierzig Jahre sind unter Waffen,
Gefahren, und mancherlei Sorgen und Verfolgungen hingearbeitet worden, wenige
Tage der Erholung, selten ein Augenblick von Freude! Und was ist sein Lohn? Und
was ist mein Loos? Obgleich meine Jahre lange nicht an die Hälfte der seinigen
reichen, was habe ich nicht ertragen, gekämpft, verloren! Einsam, freudenlos,
selten so geliebt, wie mein heißes Herz es wünschte, floss, seit ich denken kann,
mein Leben hin. Der, für den mein Wesen gebildet schien, ward durch das
Schicksal von mir gerissen; der, dem ich angehöre, hat keinen Sinn für das, was
ich bin, und ihm sein möchte. So schwindet mein Dasein zwecklos hin. Still,
vergessen, unbedauert wird es endlich verlöschen, und Niemand danach fragen,
Niemand darum wissen, dass einst eine unglückliche Larissa lebte.
    Ach wenn ich nur sagen könnte: Dazu war ich auf der Welt! Aber ich weiß ganz
und gar keinen Zweck, warum ich geboren ward, als - einst die Wärterin eines
kränklichen, gebeugten Greises zu werden, der meine Dienste noch meist verkennt,
und fast immer ungütig aufnimmt. Dazu ward mir dies heiße Herz? Dazu führten
alle meine verworrenen Schicksale? Ach Junia! Wie viel Ergebung und Geduld
brauchte ich nicht jetzt, um mich vom Murren zu enthalten!
    Agatokles ist fern. Ich werde ihn nie wieder sehen. Das wusste ich, als ich
mich von ihm
