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Das frei ausströmende Gefühl hätte sich vielleicht dahin gerichtet, wohin man es
absichtlich zu lenken suchte; allein jeder Schein von Zwang empört ein
jugendliches Herz, und ich betrübte oft die gütige Mutter durch einen
Widerstand, in welchem sie mehr Eigensinn als Abneigung erblickte. Ach, und sähe
sie mich jetzt! Verstossen, zernichtet den Unglücklichen, den sie beschützte,
elend durch mich, die ihn beglücken sollte! War es doch von jeher mein Loos, die
Erwartungen derer zu täuschen, die mit voller Seele an mir hingen! Welche
Mutter, sagte Stephano, darf auch hoffen ihre frommen Wünsche gekrönt zu sehen?
Darum blicken wir so wehmütig auf unsre Kindheit zurück, weil der einsame
Mensch die goldnen Träume wieder erkennt, die seine Wiege umflatterten, und das
Paradies, das ihm in der mütterlichen Liebe erblühete, so unschuldig aus den
Trümmern eines zerbrochnen Lebens hervorsieht! Rosalie, die aufgestanden war,
trat zum Klavier und sang folgendes Lied:
Hier im Walde, süßes Leben,
Hier im Walde ruhe sanft;
Sieh, es neigen sich die Zweige,
Flechten dir ein Blütendach.
Und es rauschen durch die Blätter,
Von den Lüften angefacht,
Linde Töne, dich zu wiegen
In den lang ersehnten Schlaf.
Will dich auf den Rasen betten,
An der frischen Quelle Rand;
Wächter sind dir meine Sorgen
Schutz und Wehr, der Mutter Arm.
Blumen spriessen aus der Erde,
Hüllen dich in farb'ge Pracht,
Und die zarten Düfte weben
Luft'ge Schleier um dein Haar.
Wie sich schon die Augen schließen,
Und der Wimpern dunkles Schwarz,
Auf dem ros'gen Hauch der Wangen,
Atmend auf und nieder wallt.
Reitzend schmiegen sich die Glieder
Wie Crystalle licht und klar
Auf dem frischen Blütenteppich,
Schimmernd in der Sterne Glanz.
Lösst sich doch mein ganzes Innre,
Seh ich dich so reich begabt;
Und die Freudentränen fließen
Auf dich Engelsbild herab.
Jesus, schreit das Kind im Traume,
Jesus, sieh das Schlangenpaar,
Wie es sich durch Blumen windend,
Drohend aus dem Dickicht nah't.
Mutter, nun hat's mich ergriffen,
Sieh die Ringel um den Hals;
Blut'ge Tränen muss ich weinen,
Wie es mich am Herzen fasst.
Schlangen, Kind, sind goldne Reisen,
Sagt sie lächelnd, küsst es wach,
Und die Tränen deuten Perlen,
Dich zu schmücken am Altar.
Sinnend ging das Kind von dannen,
Bis es Traum und Wald vergaß.
Ach ihm zeigte bald das Leben,
Was die flücht'ge Ahnung war.
Alle fühlten sich auf eine eigene Weise durch das Lied bewegt. Selbst die
Gräfin gedachte mit Rührung einzelner vorüberrauschender Anklänge ihrer
Kindheit, und fühlte zum erstenmal schmerzlich, niemand zu haben
