 Ich
liebe das Selbst - drum mag er selbst reden!
    »Was ist denn die Sonne?« fragte ich eines Tages meine Mutter, als sie den
Sonnenaufgang von einem Berge beschrieb. »Armer Knabe, du verstehst es nimmer,
du bist blind geboren!« antwortete sie gerührt und fuhr sanft mit der Hand über
meine Stirn und meine Augen.
    Ich glühete - die Beschreibung hatte mich entzückt; zwischen den Menschen
und meiner Liebe zu ihnen lag eine Scheidewand - wenn ich die Sonne nur einmal
erblicken könnte, glaubte ich, würde sie schwinden und ich mich eines nähern
Umgangs mit meiner Mutter erfreuen dürfen. -
    Meine Phantasie arbeitete von jetzt an heftig, der sehnsuchtsvolle Geist
strebte gewaltsam den Körper zu durchbrechen und in das Licht zu schauen. Dort
lag das Land meiner Ahnung, das Italien voll Wunder der Natur und Kunst.
    Sie sprachen viel von Nacht und Tag, für mich gab es nur eins, einen ewigen
Tag, oder eine ewige Nacht - sie meinten es sei die letztere! -
    Ich saß in meinem Dunkel, und die wunderbare große Welt ging in meinem
Geiste auf, aber die Beleuchtung fehlte, und ich stieg nun an dem Leben herum,
wie an einem himmelhohen Felsen, mit verbundenen Augen; ich fühlte die seidene
Wange der Blume, trank ihren Duft - aber ich träumte, die Blume selbst sei
unendlich schöner als ihr Duft und ihre seidene Wange.
    Ein lebhafter wunderbarer Traum ließ mich in einer Nacht das Licht
erblicken, und es war es wahrlich; aber als ich erwachte, bemühete ich mich
vergeblich den Traum wieder hervorzurufen.
    Um diese Zeit stieg die Musik wie ein lieblicher Genius in meinen dunkeln
Kerker, und schlang um ihre Saiten die zarten Blumenkränze der Poesie. Es war
heiliger Boden den ich jetzt betrat - das erste Italien meiner Sehnsucht.
    Der Engel der zwischen den beiden Musen wandelte und sie mir zuführte, war
ein Mädchen, die himmlische Madonna hatte ihm ihren irdischen Namen
hinterlassen. - Maria war mit mir von gleichem Alter, und sie entzückte den
blinden Knaben durch ihre Lieder und Töne, und rief die Liebe und die Hoffnung
aus ihren Träumen auf, dass sie zum erstenmale hell um sich schauten, und als die
beiden schönsten Vestalen in das Leben traten.
    Marie war eine elternlose Waise, und meine Mutter hatte, als sie sie zu sich
nahm, ein feierliches Gelübde geleistet, das Kind dem Himmel zu weihen, wenn ich
jemals das Licht erblicken würde. Jetzt sehnte ich mich wieder nach der Sonne,
denn sie entführte mir Marie und ihre Gesänge.
    Bald darauf hörte ich öfter von einem Arzte reden, von dessen Kunst man sich
viel zu meinem Vorteile versprach. - Ich wankte zwischen entgegengesetzten
Gefühlen - die Liebe zur Sonne
