 »Können Sie«, sagte Vult laut zu
ihr, es übergebend, »im Mondschein noch lesen, was ich abspiele?« Das trauende
Mädchen sah ihn lieblich an und ernstaft ins Blatt hinein, da er zu flöten
anhob. Am Härchen des Zufalls hing nun der ganze Neujahrs-Morgen herab, zwar
kein Schwert, aber eine blumige Krone. Gleichwohl tobt und jauchzet der Mensch
wechselnd über dasselbe Härchen, bloß weil es zur einen Zeit ein Schwert, zur
andern ein Diadem über seinem Kopfe hält und auf diesen fallen lässt.
    Wina las lange auf dem Blatt Noten nach, die er gar nicht blies, bis sie
endlich Vults End-Absichten merkte und erfüllte. Wie flog sie dann der Flöte
nach, um mit Blicken zu danken - und Walts Stand-Ufer vorüber, um ihn
anzuschauen - und freudig über die kalte Fläche, weil ihre freundschaftlichen
Wünsche so schön begünstigt waren und dieser Nacht nichts mehr fehlte als die
erste des künftigen Jahrs. Welche erfreuete Blicke warf sie auf ihre Freundin
und zum Sternenhimmel! Dazu ging nun die umherirrende Flöte, die wie mit einem
Springstabe den Notar vom Eis der Erde ans Empyreums-Eis des Himmels aufhob.
Alles war zwar selig, Vult besonders, Walt aber am meisten. »Ach wolltest du mir
nicht«, sagte Vult herfahrend mit vergnügtem Gesicht, »ein paar Doppel-Louis
vorstrecken nur auf zwei Stunden, armer Wicht?« - »Ich?« fragte Walt. Aber jener
fuhr und blies fröhlich weiter, um als Chorführer mit Sphärenmusiken den
himmlischen Körpern auf dem Eise vor-und nachzuschweben. Wenn die Tonkunst,
welche schon in die gemeine feste Welt gewaltsam ihre poetische einschiebt,
vollends eine offene bewegte findet: so wird darin statt des Erdbebens ein
Himmelbeben entstehen, und der Mensch wird sein wie Walt, der das Ufer mit
stillen Dankgebeten und lautem Freudenrufen umlief und seine Herzens-Welt, sooft
die Flöte sie ausgesprochen, immer von neuem und verklärter erschuf. Er sammelte
alle fremde Freuden wie warme Strahlen in seiner stillgehaltenen Seele zum
Brennpunkte. Den mit Sternen weissblühenden Himmel ließ er ins kleine
Nachtigallenspiel herabhängen, und der Mond musste seinen Heiligenschein mit
Winas Gestalt zusammenweben. »Dieser Mond«, sagt' er sich, »wird in der
Nachmitternacht des Neujahrs fast wieder so am Himmel stehen, und ich werde
nicht nur die Flöte und meine Gedanken, auch ihre Stimme hören. - Die Sterne des
Morgens werden blinken - und ich werde erst unter dieser künftigen Musik denken:
So groß hätt' ich mir die Wonne am frohen Abend der Eisfahrt nie gedacht.«
    Jetzt trat er immer weiter in den Teich hinein oder stach weiter in die See
oder ins Eismeer, um der Geliebten näher zu begegnen
