 mit
dem Notenpulte nah' am Fenster stehen. Als wieder ein langer Wolkenschatten die
Gasse heraufflog: schritt er querüber und guckte hinauf und sah hinter dem
erleuchteten Notenpulte das so lange begehrte Gesicht; und weinte bitter. Er
ging an ein großes rotes Tor seitwärts, worauf Vults Schattenriss, aber greulich
auseinandergezogen wie ein angenagelter Raubvogel, hing und küsste etwas vom
Schatten, aber mit einiger Mühe, weil sein eigener viel verdeckte.
    Gern wär' er jetzt zu ihm hinaufgegangen mit der alten Bruder-Brust an sein
Herz; aber er sagte: »Blies' ich selber droben, o so weiß ich alles wohl - nein,
es gäbe für mich kein fremdes Herz; aber er ist fast immer das Widerspiel seines
Spiels und oft fast hart, wenn er sehr weich dahinflötet. - Ich will ihn in
seiner Geister-Lust nicht stören, sondern lieber manches zu Papier bringen und
morgen schicken.«
    Er tats zu Hause, die Flötentöne des Bruders fielen schön in das Rauschen
seiner Gefühle ein - er versiegelte einen geistigen Sturm. Er legte dem Sturm
zwei Polymeter über den Tropfstein bei, dessen Säulen und Bildungen bekanntlich
aus weichen Tropfen erstarren.
                                Erster Polymeter
Weich sinkt der Tropfen im Höhlen-Gebirge, aber hart und zackig und scharf
verewigt er sich. Schöner ist die Menschen-Träne. Sie durchschneidet das Auge,
das sie wund gebiert; aber der geweinte Diamant wird endlich weich, das Auge
sieht sich um nach ihm, und er ist der Tau in einer Blume.
                                    Zweiter
Blick' in die Höhle, wo kleine stumme Zähren den Glanz des Himmels und die
Tempelsäulen der Erde spielend nachschaffen. Auch deine Tränen und Schmerzen, o
Mensch, werden einst schimmern wie Sterne und werden dich tragen als Pfeiler.
    Vult antwortete darauf: »Mündlich das übrige, Lieber! Wie mich unser so
wacker gefödertes Schreiben freut, weißt Du besser als ich selber.« - »So hol'
ihn der Henker«, sagte Walt, »ich habe mehr eingebüßt als er, denn ich lieb' ihn
ganz anders.« Er war nun so unglücklich, als es die Liebe auf der Erde sein
kann. Er webte - ganz entblößt von Menschen und Geschäften - seinen Roman fort,
als das einzige dünne leichte Band, das sich noch aus seiner Stube in die
brüderliche spannen ließ.
    An einem Abende, als der ausgewachsene reife Mond gar zu hell und lösend
schien, bedacht' er, ob es denn nicht schicklich sei, ordentlich Abschied zu
nehmen. Er schrieb folgendes Briefchen:
    »Empfange mich nicht Übel, wenn ich diesen Abend um 7 Uhr komme. Wahrlich,
ich nehme nur Abschied; alles wird auf der Erde ohne Abschied
auseinandergestürmt; aber der Mensch nimmt seinen
