 blaue Waldreben vergitterten sich zu einem
kleinen Himmel, worin gerade im Herbst keine Wolke, d.h. keine Knospe war,
sondern offene Äterkelche.
    »Da die Blumen leben und schlafen«, sagte Walt bei diesem Anlass, »so träumen
sie gewiss auch, so gut wie Kinder und Tiere. Alle Wesen müssen am Ende träumen.«
- »Auch die Heiligen und die hl. Engel?« fragte Wina. »Ich wollte wohl sagen:
ja«, sagte Walt, »insofern alle Wesen steigen und sich also etwas Höheres
träumen können.« - »Ein Wesen ist aber auszunehmen«, sagte Wina. - »Gewiss! Gott
träumet nicht. Aber wenn ich nun die Blumen wieder betrachte, so mag wohl in
ihren zarten Hüllen der dunkle Traum von einem lichtern Traume blühen. Ihre
duftende Seele ist nachts zugehüllt, nicht durch bloße Blätter, sondern wahrhaft
organisch, wie denn unsere auch nicht durch bloße Augenlider zugeschlossen wird.
Sobald nun einmal die farbigen Wesen am Tage Licht und Kraft verspüren: so
können sie ja auch nachts einen träumerischen Widerschein des Tages genießen.
Der Allsehende droben wird den Traum einer Rose und den Traum einer Lilie kennen
und scheiden. Eine Rose könnte wohl von Bienen träumen, eine Lilie von
Schmetterlingen - in dieser Minute kommt es mir ordentlich fast gewisser vor -
das Vergissmeinnicht von einem Sonnenstrahl - die Tulpe von einer Biene - manche
Blume von einem Zephyr- Denn wo könnte denn Gottes oder der Geister Reich
aufhören? Für ihn mag wohl ein Blumenkelch auch ein Herz sein, und umgekehrt
manches Herz ein Blumenkelch.«
    Jetzt traten sie in den Zauber-Garten ein, dessen weiße Gänge und finstere
Blättergruppen einander wechselnd färbten. Die Berge waren, wie Nachtgötter,
hoch aufgestanden und hoben ihr dunkles Erdenhaupt kühn unter die himmlischen
Sterne hinein. Der Notar sah den bisher auseinanderliegenden Farbentau der
Dichtung an Winas Hand sich als einen Regenbogen aufrichten und im Himmel stehen
als der erste glänzende Halbzirkel des Lebens-Kreises.
    Er wurde - so wie Wina immer einsilbiger - immer vielsilbiger und betrank
sich im Taufwasser seiner Worte, das er über jeden Berg und Stern goss, der ihnen
vorkam. Es gab wenige Schönheiten, die er nicht, wenn er vorbeiging,
abschilderte. Es war ihm so wohl und so wohlig, als sei die ganze schimmernde
Halbkugel um ihn nur unter seiner Hirnschale von einem Traume aufgebauet und er
könne alles rücken und rauben und die Sterne nehmen und wie weiße Blüten
herunterschlagen auf Winas Hut und Hand. Je weniger sie ihn unterbrach und
abkühlte: um so größer machte er seine Ideen und tat zuletzt die größte, jene
ungeheure auf, worin die Welt zerschmilzt und blüht, so dass Luzie, die bisher
weltliche Lieder murmelnd
