, finde ich eben so viel Klugheit als Zartheit, und Du
versicherst mir es so ehrlich, dass ich es glauben muss, wie meine Briefe immer
sehnlich von Dir erwartet würden, wie sie für Dich weit mehr Leben und
Interesse, als das schönste Buch hätten, ja, wie sie das einzige Poetische in
Deinem Leben wären. - Dies alles ist mir nun sehr willkommen, denn mir ist es
nun einmal Bedürfnis geworden, Dir meine Klagen, meine Erinnerungen und meine
Freuden, ohne Zwang und Rücksicht zu vertrauen, und Du bist auch die Einzige,
gegen die ich es kann. - Ja, Julie, was auch die Zeit an den glänzenden Farben
jener Vergangenheit verwischen mag, so glücklich ich mich jetzt durch Antonios
Gegenwart fühle, so viele schöne Beziehungen ich um mich vereine; so kann sich
mein Herz doch nie ganz von jenem Zauberlande losreißen, und selbst jedes
fröhlichere Gefühl, das mein Herz bewegt, scheint mir nur ein Bote von dort zu
sein, der mich wieder lebhaft in die alten Fesseln zieht. - Oft fühle ich es so
unruhig und so gewiss, dass ich ihn wiedersehen werde - aber bald spricht eine
feindliche Stimme dazwischen: er hat Dich vergessen - und alles ist verändert.
Die säuselnden Lüfte, die Berge mit ihren waldigen Scheiteln, der Fluss mit
seinen rauschenden Wellen, alle sagen es nach: er hat Dich vergessen! die
Sehnsucht seiner Liebe umschwebt uns nicht mehr! - Oft wenn ich hinblicke unter
die Schatten der Bäume, und aus ihrer freundlichen Dämmerung, viele halbvergessne
Jugendbilder hervortreten, und von ihren flüsternden Zweigen seelige Träume auf
mein Herz einsinken; dann schwebt die entflohene Liebe, wie ein verlohrnes
Paradies vor meiner Seele, und eine Träne des Schmerzes verdunkelt mein Auge. -
Aber dann reiße ich meine Blicke gewaltsam von jenen Bildern los, und schaue
mit verschlossnem Weh in die lichte, offene Ebene hin, und weite, fröhliche
Entwürfe, heiter wie die Ferne, dämmern vor mir auf; dann umweht mich neue
Lebenslust, und ich freue mich meines Muts, dass ich, nach dem Verlust
desjenigen, was mir Alles war, noch zu leben wage. - Und Julie, so schwankt mein
Gemüt noch oft zwischen den Eindrücken, einer allzu schönen Vergangenheit, und
einer heitern Gegenwart.
    Du kennst aus meinen Briefen die Menschen, die ich täglich sehe, es ist
Antonio, der Graf, Charlotte, ihr Mann und Wilhelm; mein Leben verfliesst jetzt
gleichförmig und anmutsvoll, und nur kleine Begebenheiten, nichts Großes,
Erschütterndes, bezeichnet die Spur der fliehenden Tage. Unter diese gehört auch
folgendes, was unserm Kreis, zu Bemerkungen und Gesprächen viel Veranlassung
gab. Wilhelm hatte eine kleine Reise, in eine nahgelegene, wild-schöne
