, wenn noch die Glut der Gefühle ihn
unendlich macht, und die himmlischen Geister der Phantasie um die Wahrheit ihre
Blütenkränze flechten!
Oft erfreut es uns, Julien und mich, auf die verschlungnen Pfade der
Vergangenheit, wie von einer Höhe herabzusehen. Erst dann, wenn Jahre dazwischen
liegen, wird erst bemerkt, was in der Gegenwart sich zu nahe vor die Augen
drängte. Schon frühe trennten sich unsre Wege, aber wir bemerkten es nicht. Wenn
wir von der Zukunft träumten, und Julie bald ein Ruheplätzchen zu finden
wünschte, wenn ihre Phantasie sich kaum einige Meilen weit wagte, und sie das
reinliche Landhaus, und ein stilles, regelmässiges Leben bald festhielt, so
reizte mich der Gedanke: mehr von der Erde zu sehen, ganz unaussprechlich; die
unbestimmte Ferne zog mich an, und als das höchste Glück, dachte ich mir stets,
an der Seite eines geliebten Mannes, ein schönes, vielseitiges Dasein zu
genießen, tausendfach zu leben. - Ihr, der Gnügsamen, ward, was sie wünschte,
und sie erfüllte die Lage, die sie so oft sich dachte; mich trieb das Streben,
das hohe, was ich kannte, in Einem vereinigt zu finden, rastlos im Gebiet des
Lebens umher, und als es mir ward, als ich kaum das harmonische Dasein fühlte,
das alle Wünsche begränzte - ach! da verschwand der Himmel, und einsam und
verlassen fand ich mich auf der Erde wieder!
Du schriebst mir lange nicht, Eduard! Dein Schweigen ängstet mich. Schon einige
Posttage sind vergangen, wo ich Seligkeit erwartete, und alle Bitterkeit
getäuschter Sehnsucht fand. Ach! Dein Bild webt sich in alle meine Träume, und
meine süßesten Hoffnungen ruh'n in Deinem Herzen! Oft überflieg' ich, was uns
trennt, und lebe dann mit Dir, ein neues, schönes Leben. Und teilst Du sie mit
mir, diese Sehnsucht nach Wiedersehen? - wie soll ich mir Dein Schweigen
erklären? - wie, wenn Du Dich der Freude überliessest, während ich voll Trauer
jede Freude verschmähe, und Dich stets allenthalben vermisse? - Ich bat Dich
ruhig zu sein, und müsste verzweifeln, wenn Du es wärest. Nur das kann mich
beruhigen - wenn Du mir nichts verheelst, Dich durch keine Spizfindigkeit des
Verstandes, keinen Trugschluss der Vernunft verleiten lässt, das hohe Gesetz des
Vertrauens zu brechen, das, wie durch Zauberei, Eins in des Andern Seele lesen
lässt.
 
                           Drei und zwanzigster Brief
                                Eduard an Amanda
Ich bin nun hier auf dem Gute meines Vaters, und habe zum erstenmal einen Busen
voll Sturm in diese friedlichen Fluren gebracht. Hier war ich als Knabe -
glücklich ohne es zu wissen, eine heitre Welt stand vor meinem Blick,
